Mit den 5 Elementen durchs Jahr – das Element Metall: der Herbst

  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare
Du betrachtest gerade Mit den 5 Elementen durchs Jahr – das Element Metall: der Herbst

In der 5-Elemente-Lehre der TCM folgt auf das Feuer des Sommers und auf die integrierende Kraft der Erde aus der Dojo-Zeit des Spätsommers nun die nächste Wandlungsphase: das Element Metall. Aus dem, was die Erde verdaut und gesammelt hat, zieht das Metall nun die Essenz und sorgt für Klarheit. Es ist das Element der Reduktion, der Unterscheidung, der Qualität statt Quantität. Und es ist das Element, das uns jedes Jahr aufs Neue einlädt, ehrlich zu schauen und zu entscheiden: Was ist wirklich wesentlich und was nicht? Was ist es wert, weiter kultiviert und genährt zu werden, und was gilt es auszusortieren und loszulassen, damit Raum entsteht, wo sich nach der Stille des Winters im nächsten Frühjahr vielleicht neues entwickeln kann?

In diesem Beitrag tauchen wir gemeinsam tief in das Element Metall ein, in seine Qualitäten, Entsprechungen, Stärken und Herausforderungen. Du erfährst, welche Akupressurpunkte im Herbst besonders wertvoll sind, welche Yin Yoga Haltung zur Jahreszeit passt, wie du dich in dieser Zeit ernähren und pflegen kannst und was der Begriff Yang Sheng damit zu tun hat. Los geht’s…

Das Metall im Jahreskreis: die Zeit des kleinen Yin

In der 5-Elemente-Lehre ist der Herbst die Zeit des sinkenden Yang und des langsam wachsenden Yin. Nach dem Höhepunkt des Feuers im Sommer und der integrierenden Dojo-Zeit bewegt sich die Energie der Natur nun nach innen und unten. Das Außen zieht sich zusammen, das Innen vertieft sich. In der TCM wird diese Zeit das kleine Yin genannt. Der Herbst hat noch nicht die tiefe Stille des Winters, des großen Yin, dennoch wird die Hinwendung nach innen bereits deutlich spürbar.

Im TCM Jahreskreis (nach der Variante mit Dojo-Zeiten) beginnt der Herbst Mitte August und erstreckt sich bis Ende Oktober, bevor die Dojo-Zeit des Vorwinters im November den Übergang zum Element Wasser bereitet. Anders als bei uns im Westen, wo die Tagundnachtgleiche den Herbst einläutet, liegt sie aus Sicht der TCM genau im Herzen des Herbstes. Licht und Dunkel sind dann exakt gleichgewichtig und ab hier beginnt die Waage sich langsam zugunsten der Dunkelheit zu neigen.

Das Element Metall und seine Entsprechungen

Das Metall steht für Klarheit, Präzision und die Fähigkeit zu Unterscheiden. Was bleibt, wenn alles Unnötige wegfällt? Was hat wirklich Wert und Bestand? Metall-Energie sortiert, klärt, verdichtet und kristallisiert die Essenz heraus. Sie bringt Dinge auf den Punkt. Menschen mit viel Metall-Energie sind oft analytisch, präzise, ästhetisch sensibel und haben ein feines Gespür für Wertigkeit.

Wie bei allen Elementen in der 5-Elemente-Lehre ziehen sich die Qualitäten des Metalls durch viele Ebenen des (menschlichen) Seins. In Bezug auf menschliche Lebensphasen entspricht das Metall dem mittleren Erwachsenenalter. Hier hat der der Mensch gelernt zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Impulse der Jugend (Holz), die Fülle des jungen Erwachsenenlebens (Feuer) und die nährende Mitte (Erde) liegen hinter ihm. Nun geht es um Reife, Tiefe und Wesentlichkeit. Die zugehörige Tageszeit ist der frühe Morgen: zwischen 3 und 7 Uhr morgens sind Lunge und Dickdarm in der Organuhr am aktivsten. Nicht zufällig kennen viele Menschen den frühen Morgen als die Zeit, in der Gedanken besonders klar sind, aber auch als die Zeit, in der Traurigkeit, unverarbeitete Gefühle oder Sorgen sich in den Vordergrund drängen, bevor der Tag mit seiner Betriebsamkeit davon ablenkt.

Organsysteme: Lunge und Dickdarm

Zum Metall gehören die Organsysteme Lunge (Fei) und Dickdarm (Da Chang).

Die Lunge ist das Yin-Organ. Sie liegt am höchsten im Körper. Über den Atem ist sie am direktesten mit der Außenwelt in Kontakt. Die Lunge nimmt das Qi der Luft auf, verteilt es im gesamten Körper und ist maßgeblich beteiligt an der Abwehr äußerer pathogener Einflüsse. In der TCM wird diese Abwehrenergie Wei-Qi genannt. Eine starke Lunge zeigt sich in tiefer, ruhiger Atmung, einem widerstandsfähigen Immunsystem und einer klaren Ausstrahlung.

Aus Sicht der TCM ist die Lunge auch der Sitz des Po. Das ist der körpergebundene Geist des Metalls, auf den ich weiter unten noch ausführlicher eingehe. Die Lunge steht für die Fähigkeit, das Lebendige aufzunehmen (den Atem, das Qi, das Leben) und gleichzeitig das Verbrauchte loszulassen. Die Lunge leidet besonders unter Trauer und emotionalem Schmerz, unter Kälte und Trockenheit, und unter einem Lebensstil, der nicht genug Raum lässt für Pausen. Im Herbst, also in der Zeit des Jahres, wenn das Metall aktiv ist, ist es daher besonders sinnvoll, die Lunge zu unterstützen und gut zu schützen.

Der Dickdarm ist das zugeordnete Yang-Organ. Er schließt ab, was die Verdauung begonnen hat. Im Grunde ist es der Ort der finalen Unterscheidung: Was kann der Körper noch verwerten und was muss ausgeschieden werden? Diese Funktion gilt in der TCM nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern auch im übertragenen Sinne. Der Dickdarm hilft uns auch emotional und mental das Ausgediente loszulassen, was wir nicht mehr brauchen, und uns von dem zu befreien, was uns belastet.

Farbe: Weiß und Silber

Die Farbe des Metall-Elements ist Weiß, in manchen Traditionen auch Silber oder ein helles, klares Grau. Im TCM-Kontext stehen diese Farb-Nuancen für Reinheit, Klarheit und die Möglichkeit des Neubeginns nach dem Loslassen. In der Natur zeigt sich diese Qualität in den weißen Pilzen und Birkenrinden, im Glanz der Spinnweben im Morgentau oder Raureif und in weißen Lebensmitteln, die im Herbst Saison haben.

Klima: Trockenheit (Zao)

Der pathogene Klimafaktor des Metalls ist die Trockenheit. Die Blätter verlieren ihre Feuchtigkeit und fallen ab. Auch unsere Haut neigt zu Rauheit und die Schleimhäute werden trockener und dadurch empfindlicher. In der TCM kann äußere Trockenheit die Lunge angreifen und zu trockenem Husten, gereiztem Hals und Heiserkeit führen. Die innere Befeuchtung durch ausreichend Flüssigkeit, befeuchtende Lebensmittel und feuchtigkeitserhaltende Pflege ist im Herbst daher besonders wichtig.

Körpergewebe: Haut und Körperhaar

Das Metall-Element regiert die Haut und das Körperhaar, also die äußerste Schicht des Körpers, die Grenze zwischen innen und außen. In der TCM ist die Haut auch Teil des Immunsystems. Über die Poren reguliert sie die Ausdünstung. Gemeinsam mit dem Wei-Qi (der Abwehrenergie der Lunge) bildet sie die erste Verteidigungslinie gegen äußere Einflüsse. Trockene, raue, juckende Haut oder eine erhöhte Anfälligkeit für Erkältungen können auf ein geschwächtes Lungen-Qi hinweisen. Im Herbst ist es daher sinnvoll, die Haut gut zu pflegen, zum einen von außen mit nährenden Ölen, zum anderen von innen durch befeuchtende Ernährung. Auch sich warm zu halten, besonders Hals, Nacken und Schultern, um das Wei-Qi zu schützen, ist im Herbst ganz besonders wichtig.

Sinnesöffnung: Nase

Die Nase gilt als Sinnesöffnung des Metall-Elements. Sie ist der direkte Eingang des Atems und damit ein Weg des Qi in den Körper. Und sie ist bekanntlich auch das Organ, das als erstes reagiert, wenn die Abwehrenergie schwächelt. Eine laufende Nase, Sinusitis oder eine eingeschränkte Nasenatmung zeigen in der TCM häufig ein Ungleichgewicht im Funktionskreis der Lunge an. Umgekehrt stärkt bewusstes, tiefes Atmen durch die Nase das Lungen-Qi und aktiviert die Abwehrkräfte. Auch der Geruchssinn ist hier mit einbezogen. Menschen mit ausgeprägter Metall-Energie haben oft ein feines Gespür für Gerüche und reagieren sensibel, wenn die Umgebung nicht sauber, klar und frisch riecht.

Körperflüssigkeit: Schleim

Die dem Element Metall zugeordnete Körperflüssigkeit ist der Schleim, speziell der Lunge und der Atemwege. In gesundem Maß befeuchtet und schützt er die Schleimhäute. Wenn das Lungen-Qi geschwächt ist oder die Ernährung zu viel schleimbildende Nahrung enthält (Milchprodukte in großen Mengen, weißer Zucker, Weißmehl), kann sich Schleim ansammeln und zu chronischem Husten, Verschleimung oder einem Gefühl von Schwere im Brustkorb führen.

Klang: Weinen

Der Lautausdruck, der zum Element Metall gehört, ist das Weinen. Hier ist weniger das laute, dramatische Schluchzen, sondern eher das stille, aus der Tiefe kommende Weinen gemeint, als Ausdruck von Trauer, Abschiednehmen und emotionaler Rührung. Im Gleichgewicht können Metall-Menschen tief berührt werden und ihre Gefühle dazu entsprechend fließen lassen UND sie können diese dann auch wieder loslassen.

Wenn das Element aus dem Gleichgewicht gerät, zeigen sich zwei Muster. Entweder besteht die Unfähigkeit zu weinen. Die Traurigkeit kann sich nicht richtig lösen und bleibt dadurch energetisch im Körper hängen. Oder es zeigt sich das Gegenteil in Form von unkontrolliertem Weinen, das immer wieder aufbricht, als würde ein Damm überlaufen, der nicht zu halten ist. Grundsätzlich ist Weinen in der TCM ein gesunder Ausdruck des Metalls und in keiner Weise ein Zeichen von Schäche. Die Lunge braucht ganz einfach ab und zu die Befreiung durch Tränen. Und last but not meast werden die Tränen in der TCM als ganz besonders kostbare Flüssigkeit gesehen 🙂

Der Geist des Metall-Elements: der Po

Jedes Element hat in der TCM einen zugeordneten Geist-Aspekt. Beim Metall ist es der Po – nicht zu verwechseln mit dem Hintern 😉 Mit diesem Po hier ist der Teil unseres Geistes gemeint, der an den Körper gebunden ist und mit ihm stirbt. Er steuert reflexartige Körperprozesse, reguliert den Atem, koordiniert Bewegung und Körpergefühl. Wir kennen ihn auch als (tierischen) Instinkt. Auf einer tieferen Ebene ist der Po der Träger von körperlichem Erleben und auch von Trauma. Er ist wie eine Art somatischer Speicher, der all jene Erfahrungen versammelt, die sich im Körper eingeschrieben haben, lange bevor der Verstand sie verarbeitet hat.

Ein gesunder Po zeigt sich in einem guten Körpergefühl, in stabiler Atmung, gutem Schlaf und der Fähigkeit, auf das eigene körperliche Empfinden zu vertrauen. Wenn der Po geschwächt oder gestört ist, fühlen sich Menschen oft körperlich unbehaglich ohne erkennbaren Grund, haben Schwierigkeiten, sich im eigenen Körper zu Hause zu fühlen, leiden vielleicht auch unter flacher Atmung, Schlafstörungen insbesondere in den frühen Morgenstunden (3–5 Uhr, Lungen-Zeit) oder einem diffusen Gefühl von Unvollständigkeit.

Der Po ist auch der Geist des Abschiednehmens. Trauer, die nicht verarbeitet wird, belastet ihn und damit auch die Lunge. Wenn wir lernen, Verluste wirklich zu betrauern und dann loszulassen, geben wir dem Po das, was er braucht: die Bewegung von Festhalten hin zu Loslassen. In der Herbstzeit ist es besonders schön, dem Po bewusst Raum zu geben: durch achtsames, tiefes Atmen, durch Körperarbeit, durch Bewegung, die uns mit dem Körper verbindet, und durch das Zulassen von Trauer als natürlichem Teil des Loslassens.

Die Emotion des Metall: Trauer

Die dem Metall-Element zugeordnete Emotion ist die Trauer (Bei), also das Gefühl des Abschieds, des Verlustes und der Leere nach dem Loslassen.Trauer ist für viele Menschen ein eher unbehagliches Thema. Wir neigen dazu, sie schnell überwinden zu wollen, wegzuschieben oder zu übergehen. Durch die TCM-Brille betrachtet setzt sich Trauer, die nicht zugelassen wird, in der Lunge fest. Das führt zu Stagnation und damit einhergehend zu flacher Atmung, zu einer Art chronischer Schwere im Brustkorb und zu Niedergeschlagenheit ohne klar benennbaren Grund. Jedes Jahr aufs Neue lädt uns im Herbst das Element Metall dazu ein, es anders zu machen: der Trauer Raum zu geben, sie zu fühlen und wirklich zu durchleben, um sie dann loslassen zu können und weiterzugehen. Im natürlichen Fluss der Dinge ist nämlich genau dieses Loslassen die Bedingung für das Neue.

Die emotionale Stärke des Metalls ist die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Klarheit und zur Integrität. Menschen, bei denen das Metall in Balance ist, wissen, wer sie sind. Sie sind klar, verfügen über einen inneren Kompass, ein feines Gespür für das Wesentliche und die Fähigkeit, gesunde Grenzen zu setzen.

Die tiefste Qualität des Metalls ist das, was die chinesische Tradition mit dem Begriff Zhi verbindet: Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit, das Ausgerichtet-sein auf das, was wirklich wichtig und letztlich essentiell ist. Es entsteht eine Art innerer Reinheit, die zu Handlungen führt, die auf Werten und nicht auf Erwartungen basieren.

Zwei hilfreiche Akupressurpunkte für den Herbst

Akupressur, also das Stimulieren von Akupunkturpunkten ohne Nadeln, sondern durch sanften Druck mit den Fingerkuppen, ist eine wunderbar einfache Möglichkeit, das Qi zu unterstützen und den Energiefluss im Körper zu harmonisieren. Für den Herbst und das Element Metall möchte ich dir zwei Punkte ganz besonders ans Herz legen.

Lunge 9 (LU 9) – Taiyuan: Der große Abgrund

Lunge 9 findest ihn an der Innenseite des Handgelenks, auf der Daumenseite, direkt in der Vertiefung an der Speichenarterie. Taiyuan gehört zum Lungen-Meridian und steht damit in enger Verbindung zum Metall-Element und zur Atmung. In der TCM ist Lunge 9 ein besonderer Punkt: Er gilt als Yuan-Quellpunkt und Shu-Bach-Punkt des Lungen-Meridians und wird traditionell genutzt, um das Lungen-Qi zu unterstützen und die Funktion der Lunge zu regulieren. Er wird unter anderem bei Husten, Kurzatmigkeit und einem Gefühl von Enge im Brustbereich eingesetzt.

Gerade im Herbst finde ich Taiyuan besonders passend. Das Metall-Element steht für Atem und Rhythmus, für Abgrenzung und Schutz, für Klarheit und für das Loslassen. Lunge 9 liegt dabei ganz nah an unserem Puls und kann so zu einem kleinen Moment des Innehaltens werden: den eigenen Rhythmus wahrnehmen, zur Ruhe kommen und wieder bei sich ankommen.

So wendest du ihn an

Lege den Daumen der anderen Hand auf die Innenseite deines Handgelenks, auf der Daumenseite. Suche dort die kleine Vertiefung direkt neben der Speichenarterie. Du kannst den Punkt mit der Fingerkuppe sanft drücken oder in kleinen, ruhigen Kreisen massieren. Der Druck darf deutlich spürbar, angenehm und wohltuend sein, sollte aber nicht schmerzen. Halte den Punkt etwa 1–2 Minuten und wechsle anschließend die Seite.

Hinweis: Da Lunge 9 direkt im Bereich der Speichenarterie liegt, übe nur sanften Druck aus. Wenn du unsicher bist, wo genau der Punkt liegt, lass dir seine Position einmal von einer entsprechend qualifizierten Person zeigen.

Dickdarm 4 (Di 4) – Hegu: Das Zusammentreffen der Täler

Dickdarm 4 ist einer der bekanntesten Akupressurpunkte der TCM. Er liegt im Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger, auf der Handrückseite, ungefähr an der höchsten Stelle des Muskelwulstes, der entsteht, wenn du Daumen und Zeigefinger zusammendrückst. Hegu gehört zum Dickdarm-Meridian und steht damit in enger Verbindung zum Metall-Element und zur Lunge. In der TCM wird der Punkt traditionell genutzt, um das Wei-Qi, die schützende Qi-Ebene des Körpers, zu unterstützen und das Qi in Bewegung zu bringen. Er wird unter anderem bei beginnenden Erkältungszeichen, Kopfschmerzen sowie Beschwerden im Bereich von Gesicht, Nase und Zähnen eingesetzt.

Gerade im Herbst finde ich Hegu deshalb besonders passend. Das Metall-Element steht für Abgrenzung und Schutz, für Klarheit und für die Fähigkeit, Überflüssiges loszulassen. So kann Dickdarm 4 als kleiner täglicher Akupressurimpuls daran erinnern, die eigene Grenze wahrzunehmen und den Blick nach innen zu richten.

Achtung: diesen Punkt bitte NICHT in der Schwangerschaft anwenden. Hegu wird traditionell als Punkt beschrieben, der Wehen anregen kann.

So wendest du ihn an

Drücke mit dem Daumen der anderen Hand in den Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger auf der Handrückseite. Der Punkt darf deutlich und gut spürbar sein, sollte aber nicht schmerzhaft werden. Halte den Druck etwa 1–2 Minuten und wechsle anschließend die Seite.

Yin Yoga im Herbst: Raum für die Lunge

Für den Herbst und das Element Metall empfehle ich die Sphinx. Es ist eine ruhige, zugleich öffnende Yin-Yoga-Haltung, die sich wunderbar für die Metall-Zeit und den Herbst eignet. In der Haltung liegt der Körper entspannt auf dem Bauch, während die Unterarme auf dem Boden aufliegen und den Oberkörper sanft aufrichten. Der Brustraum öffnet sich, der Atem bekommt Raum und der Blick darf nach innen wandern.

In der Sphinx liegt die Aufmerksamkeit besonders auf der Vorderseite des Körpers und dem Brustkorb. Durch die sanfte Rückbeuge entsteht eine Öffnung im Bereich von Brust und oberem Bauchraum. Genau hier verlaufen bzw. befinden sich Abschnitte des Lungen-Meridians und des Dickdarm-Meridians, die zum Element Metall und damit zum Herbst gehören. Metall wird mit dem Atem, mit Klarheit und Abgrenzung, aber auch mit der Fähigkeit verbunden, loszulassen und das Wesentliche zu bewahren.

Die Sphinx kann diese Qualitäten auf körperlicher Ebene erfahrbar machen: Der Brustkorb wird geöffnet, während der Bauch und die Vorderseite der Beine am Boden bleiben. So entsteht eine Haltung zwischen Öffnung und Halt, Weite und Zentrierung. Mit jedem Einatmen kannst du wahrnehmen, wie sich der Brustraum weitet. Mit jedem Ausatmen darf etwas weicher werden. Gerade im Herbst, wenn sich die Natur zurückzieht und nach und nach loslässt, kann die Sphinx zu einer kleinen Einladung werden, ebenfalls innezuhalten. Was darf bleiben? Was darf gehen? Und wo darf ich mir selbst wieder etwas mehr Raum zum Atmen geben?

So kommst du in die Haltung

Lege dich auf den Bauch und strecke die Beine entspannt nach hinten aus. Setze deine Unterarme vor dir auf der Matte ab, die Ellbogen ungefähr unter oder leicht vor den Schultern. Die Hände zeigen nach vorne. Hebe den Oberkörper sanft an und lass dabei Schultern und Nacken entspannt. Du musst dich nicht möglichst weit aufrichten. Finde eine Höhe, bei der du ruhig und entspannt atmen kannst. Lass Bauch, Beine und Gesäß möglichst weich und gib dem Körper Zeit, in die Haltung hineinzufinden.

Bleibe etwa 3–5 Minuten in der Sphinx. Richte deine Aufmerksamkeit immer wieder auf deinen Atem und spüre besonders, wie sich der Brustraum beim Einatmen weitet. Zum Verlassen der Haltung lasse den Oberkörper langsam zurück auf die Matte sinken. Bilde mit den Händen ein kleines Kissen, indem du sie übereinderlegst und lege eine Wange oder die Stirn dort ab. Nimm dir hier einen Moment zum Nachspüren.

Eine Alternative ist die Haltung Schmelzendes Herz (Anahatasana), die du vielleicht noch aus dem Sommer-Beitrag kennst. Sie öffnet ebenfalls den Brustkorb, ist aber aktiver in den Schultern. Für den Herbst kannst du sie mit einem stärkeren Fokus auf den Atem kombinieren: mit jedem Einatmen den Brustkorb weiten, mit jedem Ausatmen noch etwas mehr loslassen.

Ernährung im Herbst

Während die sommerliche Küche von Leichtigkeit und Kühle geprägt war, ändert sich im Herbst das Ernährungsprinzip. Der Körper braucht jetzt zunehmend Wärme, Feuchtigkeit und Substanz.

Der Geschmack des Metall-Elements: Scharf und Würzig

Der dem Metall-Element zugeordnete Geschmack ist scharf und würzig, aber nicht die Schärfe von Chili, sondern eher die erwärmende Würze von Ingwer, Meerrettich, Zwiebeln, Knoblauch, Senf und Rettich. Diese meist weißen Lebensmittel unterstützen und bewegen das Qi der Lunge, klären die Atemwege und regen die Abwehrenergie an. Im Herbst, wenn Erkältungen häufiger werden, ist das besonders wertvoll.

Was jetzt gut tut:

Weißliche und helle Lebensmittel stehen im Einklang mit der Farbe des Metall-Elements. Sie unterstützen die Lunge und fördern die Entgiftung. Birnen sind in der TCM ein traditionelles Lebensmittel für den Herbst. Sie befeuchten, kühlen leicht und lösen Schleim. Ebenso gut für die Lunge sind Lotus- Samen, Rettich, weiße Bohnen, Tofu, Mandeln und Sesam, also alles, was befeuchtet und das Lungen-Qi unterstützt. Zudem kommen Wurzelgemüse jetzt groß raus: Karotten, Sellerie, Pastinaken, Petersilienwurzel, also alles, was tief in der Erde gewachsen ist und Substanz mitbringt. Kombiniert mit wärmenden Gewürzen wie Ingwer, Muskat, Lorbeer, Thymian und Rosmarin entstehen reichhaltige Herbstgerichte, die von innen wärmen. Auch fermentierte Lebensmittel haben im Herbst ihren Platz: Sauerkraut, Kimchi, Kefir. Sie stärken die Darmflora und damit das Immunsystem, was zur Stärke des Dickdarms (dem zweiten Metall-Organ) passt.

Was eher weniger hilfreich ist:

Rohkost und kalte Speisen sollten nun noch mehr in den Hintergrund treten als ohnehin schon. Zu viel Zucker und Weißmehl belasten den Dickdarm und fördern Schleim. Auch Milchprodukte in großen Mengen können die Schleimhäute belasten und sind im Herbst für Menschen mit Neigung zu Verschleimung oder Erkältungsanfälligkeit besser zu reduzieren.

Eine kleine Herbst-Idee für die Küche:

Gedünstete oder gekochte Birne mit Rettich oder mit Ingwer und Honig sind ein wunderbares Herbstrezept und zudem ein klassisches TCM-Hausmittel bei trockenem Husten, das die Lunge nährt und bei Trockenheit unterstützt. Einfach eine Birne schälen, in kleine Stücke schneiden und in einem Topf mit reichlich Wasser und/oder Birnensaft bedecken. Entweder ein paar dünne Scheiben Rettich und/oder etwas geriebenen Inger dazugeben. Das ganze aufkochen und anschließend ein paar Minuten auf der bereits ausgestellten Herdplatte ziehen lassen. Mit etwas Honig abschmecken und genießen.

Yang Sheng im Herbst

Yang Sheng bedeutet wörtlich „das Leben nähren“. In der TCM ist es das Konzept der Lebenspflege. Das ist eine Kunst, die sich der Frage widmet: Wie lebe ich so, dass ich langfristig in Gesundheit und Einklang mit mir und der Natur bin? Im Herbst bedeutet Yang Sheng vor allem: Energie nach innen holen, Wesentliches schützen und das loslassen, was nicht mehr gebraucht wird.

Den Atem pflegen

Im Herbst ist die Lunge das Leitmedium der Jahreszeit und mit ihr der Atem. Bewusstes, tiefes Atmen ist Yang Sheng in seiner einfachsten Form. Schon zehn bewusste, tiefe Atemzüge am Morgen – durch die Nase ein, durch den Mund aus – stärken das Lungen-Qi, aktivieren das Wei-Qi und stimmen den Körper auf den Tag ein. Atemübungen aus dem Qi Gong oder Pranayama aus dem Yoga sind im Herbst besonders wertvoll. Sie stärken die Lungenfunktion und fördern die Klarheit des Geistes.

Frische Luft, aber in Maßen

Die Lunge liebt frische, saubere Luft. Spaziergänge im Herbstwald, morgens oder mittags, wenn die Luft noch wärmer ist, sind eine wunderbare Praxis. Zugluft und Kälte am Hals und im Nacken dagegen schwächen das Wei-Qi. Schals und warme Kleidung sind im Herbst nicht einfach modische Accessoires, sondern aus TCM-Sicht echte Selbstfürsorge.

Loslassen üben

Der Herbst ist die perfekte Jahreszeit, um das Loslassen bewusst zu praktizieren. Was aus dem Sommer oder aus dem bisherigen Jahr möchte ich nun wirklich hinter mir lassen? Was hat seinen Zweck erfüllt, in Beziehungen, in Projekten, in Gewohnheiten, in Gedankenmustern? Frag dich im Herbst regelmäßig: Was kann ich vereinfachen, abgeben oder komplett streichen? Nicht jeder Freiraum, der entsteht, muss direkt wieder gefüllt werden.

Schönheit und Ästhetik

Das Metall-Element hat ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden. Die Schönheit des Herbstes – das Farbenspiel der Blätter, der Geruch von feuchtem Laub, das klare, kalte Morgenlicht – ist keine Nebensächlichkeit, sondern echte Nahrung für den Po, den körpergebundenen Geist des Metalls. Schönheit bewusst zu suchen und zu genießen ist im Herbst Yang Sheng.

Qualität statt Quantität

Das Metall fragt uns jedes Jahr: Was ist wirklich wesentlich? Das gilt nicht nur für Besitz und Aktivitäten, sondern auch für Beziehungen, Verpflichtungen, Informationskonsum. Der Herbst ist eine natürliche Einladung zu einem sanften Entrümpeln: den Kleiderschrank, den Kalender, die To-do-Listen, den Geist.

Früher zur Ruhe kommen

Mit den kürzeren Tagen sinkt die Yang-Energie in der Natur und damit auch in uns. Der Körper braucht mehr Schlaf. Früher ins Bett zu gehen ist im Herbst ein kluges Anpassen an den Rhythmus der Jahreszeit. Der Körper nutzt diese Ruhezeit, um das Wei-Qi aufzubauen und zu regenerieren.

Zusammenfassung: das Metall und die Geschenke des Herbstes

Zwischen der Fülle und Lebendigkeit des Sommers und der tiefen Ruhe und Zurückgezogenheit des Winters liegt das Element Metall. Jedes Jahr im Herbst schenkt es uns die Möglichkeit, uns klar darüber zu werden, was wesentlich ist, was wirklich Bestand hat und was letztlich gehen darf?! Das Metall lädt uns ein, ehrlich zu sein mit uns selbst, mit dem, was uns ausmacht und was wir nicht länger brauchen. Das Loslassen, das wir im Herbst üben können, ist Ausdruck von Reife und hält die Erkenntnis bereit, dass das Neue nur dann kommen kann, wenn wir Raum dafür schaffen.

Neben Lunge und Dickdarm sind auch Haut und Nase dem Metall-Element zugeordnet. Diese Organe spielen eine entscheidende Rolle bei der Atmung und der Ausscheidung von Abfallstoffen. Die Lunge ist verantwortlich für die Aufnahme von Qi (Lebensenergie) aus der Luft, während der Dickdarm die Ausscheidung von Abfallprodukten unterstützt. Trauer und Loslassen sind die Emotionen, die mit dem Metall-Element assoziiert werden. Die Farbe Weiß und der scharfe Geschmack sind mit dem Metall-Element verbunden. Weiße Lebensmittel und scharfe Geschmacksrichtungen unterstützen die Lungenfunktion.

Durch die TCM-Brille betrachtet geht es im Herbst vor allem darum, die Lunge zu schützen und zu nähren, das Wei-Qi aufzubauen, Trockenheit zu begegnen und den natürlichen Rhythmus des Rückzugs zu ehren. Der Körper will jetzt weniger nach außen gerichtet sein und mehr und mehr nach innen kommen.

Reflexion und Integration

Wenn du die Impulse aus diesem Beitrag integrieren möchtest, dann vielleicht mit diesen Reflexionsfragen für dein Journal:

  • Welche alten Muster oder Gewohnheiten bin ich bereit loszulassen, um Raum für Neues zu schaffen?
  • Wo in meinem Leben benötige ich mehr Klarheit und Struktur, und wie kann ich diese erreichen?
  • Was habe ich in diesem Jahr aufgebaut, erlebt, gelernt, und was davon hat wirklich Bestand?
  • Gibt es etwas, das ich noch mit mir trage und das es nun gilt loszulassen?
  • Was würde ich spüren, wenn ich mehr Raum für den Atem ließe?
  • Was ist das Wesentliche in meinem Leben, also was bleibt, wenn ich alles Unnötige weglasse?
  • Wie sorge ich im Herbst für meine Abwehrkräfte und meine Lunge?

Ausblick auf das nächste Element: das Wasser

Nach dem Herbst, nach dem Sortieren und Loslassen, kommt das tiefste Element des Jahreskreises: das Wasser, das große Yin, der Winter. Es ist die Zeit des Rückzugs, der inneren Stille, der tiefen Regeneration. Die Energie geht ganz nach innen und unten. Was nach dem Loslassen im Herbst noch da ist, die Essenz, kehrt jetzt in den Ursprung zurück. Und in dieser Stille, in diesem scheinbaren Nichts, sammelt sich tief im Verborgenen die Kraft, aus der im nächsten Frühling wieder etwas Neues aufbrechen/hervorgehen wird. Im nächsten Beitrag dieser Reihe widmen wir uns ganz dem Element Wasser und damit dem Winter mit den zugehörigen Funktionskreisen Niere und Blase, dem Geist-Aspekt Zhi (Willenskraft und Lebensessenz), der Emotion Angst und der tiefen Kunst des Ruhens. Ich freue mich, wenn du dabei bist. Bis dahin, atme tief, lass los, was du nicht mehr brauchst und genieße den kuscheligen Herbst.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe „Mit den 5 Elementen durchs Jahr“. Hier findest du alle bisherigen Beiträge:
Überblick über die 5 Elemente
TCM Jahreskreis
Element Feuer
Element Erde


Hinweis: Alle Inhalte in diesem Beitrag dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische Beratung oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder Heilpraktiker:in. Vielleicht findest du da auch jemanden, der/die TCM praktiziert 🙂


PDF zum Mitnehmen

Möchtest du den TCM Jahreskreis als Kompass für dein Jahr – mit den wichtigsten Infos und einer übersichtlichen, leicht verständlichen Grafik? Dann lade dir hier für 0,- Euro das entsprechende Handout im PDF-Format herunter. Viel Freude damit!

Schreibe einen Kommentar