(wird in den nächsten Tagen noch überarbeitet – komm gerne nochmal wieder 🙂 )
Auch dieses Jahr sammelt sich der Karnevalszug wieder direkt vor unserer Haustür und zockelt dann los Richtung Innenstadt. Dadurch haben wir auf Balkonien einen Logenplatz. Manchmal flüchten wir und manchmal nutzen wir den. In jedem Fall finde ich es spannend, zu Karneval die Leute zu beobachten. Jeder Jeck is anders 🙂

Ein Blick zurück
Karneval ist mehr als Konfetti und Kamelle. Im Grunde ist es ein Übergangsritual: einmal in der vorchristliche Winteraustreibung und dann in der christlichen Fastenordnung.Lange bevor Karneval ein christliches Fest wurde, gab es in vielen Regionen Europas Übergangsrituale am Ende des Winters. Die Weltsicht dahinter beinhaltete, dass der Winter nicht nur eine Jahreszeit, sondern viel mehr eine Kraft ist, die vertrieben werden muss. Die Menschen glaubten, dass „böse Geister“ und damit einhergehend Dunkelheit, Kälte und Krankheiten im Winter besonders stark sind. Damit der Frühling kommen kann, müssten diese üblen Kräfte erschreckt und damit ausgetrieben werden. Die Menschen verkleideten sich mit furchteinflößende Masken, Tierfellen und Hörnern und zogen lärmend mit Schellen, Glocken und Trommeln sowie Feuer in Umzügen durch die Dörfer um die Wintergeister zu verteiben und damit das neue, hoffentlich fruchtbare, Jahr einzuläuten.
Mit der Ausbreitung des Christentums verschwanden die heidnischen Winter- und Frühlingsrituale nicht einfach. Stattdessen wurden viele dieser Bräuche in den liturgischen Jahreskreis integriert, also „christlich gerahmt“. Im Zuge dessen etablierte die Kirche die Fastenzeit (40 Tage vor Ostern) als Zeit der Buße, des Verzichts und der inneren Einkehr. Die Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch und erinnert an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste verbrachte. Zudem ist es eine Zeit der Reiningung als Vorbereitung auf die Auferstehung zu Ostern.
Die Tage vor Aschermittwoch wurden zur letzten Phase vor dem Verzicht. Die Menschen durften oder sollten sogar nochmals reichhaltig essen, und die estlichen Lebensmittel, auf die während der Fastenzeit verzichtet wird, verbauchen – insbesondere Fleisch und Eier. Daher kommt wahrscheinlich auch der Begriff Carne vale (lat. = „Fleisch, lebe wohl“). Das wurde gerne nochmals verknüpft mit feiern und tanzen udn auch die sozialen Regeln lockerten sich, denn all das war während der Fastenzeit tabu. Mit dem Aschermittwoch, an dem den Gläubigen das Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet wird (Bedenke Mensch, dass du Staub bist….) endet das Feiern abrupt und die Fastenzeit beginnt. Karneval ist also auch hier eine Übergangszeit, eine Schwelle in eine Phase des bewussten Verzichts und der inneren Sammlung.
Im Mittelalter entstanden dann Bräuche wie das Narren- oder das Eselsfest und Spott auf Klerus & Obrigkeit als weitere Elemente des Karnevals. Für diese kurze Zeit wurde die Ordnung auf den Kopf gestellt, Autorität parodiert und Hierarchie spielerisch aufgelöst. Die Kirche tolerierte das als eine Art kulturelles Ventil, denn wenn das Chaos einen festen Platz im Kalender hat, gefährdet es nicht die Ordnung im Rest des Jahres.
Karneval heute
Das witzige an Karneval ist ja auch heute, dass man für ein paar Tage sein kann, wer man will. Einfach nur so zum Spaß können wir in eine andere Rolle schlüpfen. Und uns dann so verhalten, wie wir es vielleicht sonst nicht machen würden. Wir können (endlich) mal so ganz aus uns rauskommen, weil „das bin ja eigentlich nicht ich”. Und wir können über die Stränge schlagen, weil „das machen ja alle”. Wir können einfach mal die Sau rauslassen, weil „das gehört zu Karneval dazu”.
Ich bin davon überzeugt, je weniger wir uns im Alltag erlauben, unserem Bedürfnis nach Spaß und Humor nachzugehen, je weniger wir immer mal wieder dem Hofnarren in uns das Ruder in die Hand geben, und je weniger wir zulassen, einfach mal ganz außer Rand und Band zu sein, desto nötiger (und vielleicht auch extremer) wird es dann bei solchen Gelegenheiten wie zu Karneval.
Und danach tritt dann wieder die altbekannte Ordnung ein – für ein Jahr.
Eigentlich schade, oder?
Andererseit: immer so draufsein wie zu Karneval?
Scham versus Humor
Wenn wir uns im Alltag verhalten würden, wie zu Karneval, könnten wir schnell an der Peinlichkeitsgrenze entlang schrappen, denn dann fehlt der Freifahrtschein, dann fehlt die Tatsache, dass alle am Rad drehen. Man würde viel mehr auffallen und den meisten Menschen ist genau das, dieses aus der Reihe zu tanzen, und dabei gesehen und vielleicht sogar bewertet zu werden, eher unangenehm. Im Alltag zeigen daher viele von uns lieber eine “kuratierte”, eine gesellschaftsfähige und damit einhergehend eine eben auch angepasstere Version von sich selbst.
Scham entsteht immer dann, wenn es eine Diskrepanz gibt zwischen dem Verhalten der Person, die man gerne wäre und dem Verhalten der Person, die man ist – oder sein soll – und diese Diskrepanz steht immer in Relation zu einem Außen, das dieses Verhalten wahrnehmen könnte. Das Ganze hat also auch viel damit zu tun, wie wichtig uns ist, was andere von uns denken. Zu Karneval wird diese Diskrepanz aufgelöst, denn ich kann sein wer ich will und es ist egal, was die anderen darüber denken, denn ALLE verhalten sich ANDERS als sonst.
Witz und Spaß können hier eine Brücke schlagen und ein bisschen mehr Karneval, und in diesem Sinne ein bisschen mehr Freiheit, in unseren Alltag bringen. Wenn ich etwas “nur so zum Spaß“ mache, rücke ich es in einen anderen Kontext – und es wird mehr oder weniger egal, was andere darüber denken, denn “war ja nicht ganz ernst gemeint”. Humor funktioniert hier im Grunde wie eine Art Radiergummi für Peinlichkeit. Schwupp und weg.
Wie befreiend!
Ist und bleibt aber auch nicht ganz frei von Verantwortung, denn irgendwo hört der Spaß auch auf!
Wo?
Gute Frage!
Selbstreflexion
Ich hab dir ein paar Reflexionsfragen mitgebracht. Viel Spaß bei der Selbsterforschung!
- Wie oft erlaubst du dir Spaß in deinem Alltag?
- Wann hast du zuletzt irgendwas einfach nur so zum Spaß gemacht, weil es witzig ist?
- Würdest du dich als humorvollen Menschen bezeichen? Wenn ja, woran machst du das fest? Wenn nein, warum hast du keinen Humor? Wo ist der geblieben?
- Wo findest du, sollte der Spaß aufhören? Welches Thema ist dir zu “ernst” um Witze darüber zu machen, es mit Humor zu sehen? Und warum?
- Hast du den Eindruck, in einem humorvollen Umfeld zu leben? Woran machst du dein Ja oder Nein fest? Wie könntest du mehr Spaß in das Leben der Menschen um dich herum bringen?
- Wie könntest du zu einem vergnüglicheren Alltag beitragen?
- Wie könntest du dir öfter die sinnbildliche rote Nase aufsetzen?
- Was könntest du jetzt direkt konkret tun um dich oder eine andere Person herzhaft zum Lachen zu bringen? Und was noch? Und was noch?
Mehr davon?
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