Was hat ein altes irisches Klagelied mit Lust, Meditation und Embodiment zu tun?

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Es gibt einen Text aus dem Irland des 18. Jahrhunderts, das “Klagelied für Art Ó Laoghaire” von Eibhlín Dubh Ní Chonaill. Der gälische Originaltitel lautet: Eibhlín Dubh Ní Chonaills Caoineadh Airt Uí Laoghaire. Vermutlich hat jedes Kind in Irland und Großbritannien diesen nationalen Mythos irgendwann in der Schule gelesen. Eibhlín Dubh Ní Chonaill entließ dieses Klagelied aus ihrem Herzen, nachdem ihr Mann, der irische Captain Art Ó Laoghaire, am 04. Mai 1773 umgebracht wurde.

Den Text an sich empfinde ich als sehr lang und sperrig, durch den ich im Grunde kaum wirklich durchkomme. Aber eine kleine Passage berührt mich sehr. In diesem Abschnitt beschreibt Eibhlín Dubh Ní Chonaill den Moment, als sie von der Ermordung ihres Mannes erfährt. Sofort eilt sie zu ihm, findet seinen schwer verwundeten Körper am Wegesrand. Das Blut strömt in Bächen aus ihm heraus. Sie kniet bei ihm nieder, formt ihre Hände zu Schalen, schöpft damit sein Blut – und trinkt es…

Um sich, in ihrer Not, auf diesem Wege ihren Geliebten buchstäblich einzuverleiben?!
Bevor er für immer versiegt und entschwindet ?!

Dieses Bild bewegt mich seit Wochen!
Die tiefe Verzweiflung dieser Geste.
Ebenso diese Leidenschaft und Hingabe an den Moment.
Und das Animalische daran, diese rohe Körperlichkeit.

Denn – genau DAS sind wir doch letztlich alle: KÖRPER!
Seelen, geistige Wesen, Spirits, nenn es wie du willst, die hier auf dieser Erde sind um weltliche und damit körperliche Erfahrungen zu machen!

Ohne Körper kein Dasein – kein Tanzen, Lachen, Essen, Singen. Ohne Körper kein Sex, kein Musizieren, kein Knutschen, kein Laufen, Rennen oder Hüpfen, weder Riechen noch Schmecken oder Kucken oder Spucken. Selbst Denken, Lesen oder Erinnern geht nicht ohne Körper. Ohne Körper keine Erfahrung – und kein Ausdruck.

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Ein Übungsaspekt in der Vipassana Meditation, genau beschrieben im Satipatthāna Sutta, also in Buddhas Vortrag über die vier Übungsbereiche der Achtsamkeit, sieht folgendermaßen aus: (erst werden noch andere Übungsaspekte beschrieben und dann heißt es:)
Darauf aufbauend nimmt ein Übender systematisch diesen seinen Körper bewusst wahr, von den Fußsohlen aufwärts und von den Kopfhaarwurzeln abwärts, wie er von Haut umhüllt, von vielfältigem Unbeständigen angefüllt ist: in diesem Körper gibt es Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Muskelfleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Nieren, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Dickdarm, Dünndarm, Mageninhalt, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Talg, Speichel, Rotz, Gelenkschmiere und Urin.“ (Text / Übersetzung: Adriaan van Wagensveld)

Das ist dein Körper.
Das Zuhause deines Geistes, deiner Seele, in dieser Welt.
Eine vergänglich Hülle, in einem sich ständig wandelnden Hier und Jetzt.
Ein Sack Haut angefüllt mit all diesem ZEUG.
Deinem WerkZEUG.
Für deine Eindrücke und deinen Ausdruck in diesem Leben.

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Nach der traditionellen Chinesischen Medizin wohnt in jedem unserer Organe ein Geist. Und dieser Geist fühlt sich wohl, wenn sein Zuhause, sprich das entsprechende Organ, ausreichend mit Blut versorgt ist.

Das Blut (Xue) gehört (unter anderem) zum Herz. Das beherbergt den Shen, der für das Zentrum des Lebens steht. Der Shen, das ist unser Geist, der Geist des Herzens, unsere Seele, unser Bewusstsein, unsere Persönlichkeit. Der Saft des Lebens ist demnach eng verbunden mit dem Herzen, also mit dem Organ, das den Takt des Lebens vorgibt.

Blut durchwirkt unsere Körperlichkeit, genau wie dies auch unsere Seele, unser Geist, tut. Wenn wir verwundet sind und (aus)bluten, verlässt uns der Shen. Dann verlieren wir, mit fortschreitendem Blutverlusst, unser Bewusstsein und unser Geist, unsere Seele, verlässt den Körper. Ist unser Herz dahingegen gut mit Blut gefüllt, dann fühlt sich unser Shen zuhause. Er strahlt, ist voller Kreativität und Inspiration. Dann zeigt sich dieses Funkeln in den Augen, dieses innere Übersprudeln von Lebensfreude.

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Man kann sich nicht aussuchen, wofür einem das Herz schlägt, was uns beGEISTert, unser Blut in Wallung bringt, dieses Gefühl von innerem Übersprudeln weckt, was uns lebendig fühlen lässt.

Was wir uns aber aussuchen können ist, dem immer wieder nachzuspüren, im Alltag ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, WANN dieses Gefühl auftaucht und WAS dieses Gefühl auslöst – und dann mehr davon zu machen, dem mehr Zeit zu widmen, sich mehr davon durchdringen zu lassen.

Und wir können uns aussuchen, uns jeden Tag mit unserem Körper zu verbinden, dem Werkzeug, in und mit dem das Leben stattfindet, mit dem wir hier und jetzt Erfahrungen machen und uns zum Ausdruck bringen.

Und wir können uns aussuchen, Lebendigkeit von anderen Menschen aufzuschnappen, besonders von denen, die uns lieb und teuer sind. Und manchmal passiert das auch in diesen zauberhaften, besonderen Momenten in der Begegnung mit Fremden, die nur im Vorbeigehen unseren Weg kreuzen.

Dafür brauchst du nicht deine Hände zu Schalen formen und dir das Blut von jemandem einzuverleiben. Das geht auch ganz wunderbar über die Augen! 😉 Schau genau hin, dann siehst du vielleicht hier und da dieses inner Aufblitzen!

Viel Spaß beim Einfangen von funkelnden Augenblicken!


PS

Doireann Ni Ghríofa ist eine irische Dichterin. Auch sie hat das Klagelied zum ersten mal in der Schule gelesen und ist seitdem von diesem Text fasziniert. Mit ihrem Buch “Ein Geist in der Kehle” hat sie ihr Prosadebut gegeben.

Die Ich-Erzählerin verbringt ihren Alltag als zunächst dreifache, dann vierfache Mutter, stets übermüdet, zwischen Windeln, Terminen, Hausarbeit, Todo-Listen und Strömen von Milch zu jeder Tages- und Nachtzeit. In all dem entwickelt sie eine Obsession für besagtes Klagelied aus dem 18. Jahrhundert und vertieft sich in die Recherche zum Leben der Verfasserin und zu den näheren Hintergründen dieses Textes.

In dem Buch entfalten sich beide Frauenleben, so eng verbunden, obwohl sie Jahrhunderte auseinanderliegen. Das Werk von Doireann Ni Ghríofa ist sehr eigenwillig und experimentell, sinnlich, poetisch und auf seine Art sprachgewaltig – ein absoluter Lesegenuss.

UND: dies ist ein weiblicher Text – wie auch die Autorin selber immer wieder betont.

Toller Bonus: hinten im Buch befindet sich der Text des Klageliedes von Eibhlín Dubh Ní Chonaill, einmal in Gälisch, in Englisch und in Deutsch.


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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Liebe Iris,
    was für ein spürbarer und körperlicher Blogartikel, ich fühle, rieche und schmecke gleich viel intensiver!
    Mit dem Lesen ist es genau, wie du es geschickt eingefädelt hast! Mit deinem tollen Newsletter hast du mich auf den Artikel aufmerksam gemacht, ich lese ihn, liebe ihn und klicke gleich mal zum Geist-in-Kehle-Buch und will das nun auch lesen!

    Ich mag deine Schreibe. Weiblich, wild und witzig!

    Liebste Grüße
    Silke

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