Es gibt im Yoga Sutra von Patanjali eine Stelle, die fast alles erklärt, was uns im Inneren aus der Balance bringt, Leid erzeugt und dadurch den Weg in die Freiheit erschwert. In Kapitel II, Vers 3, heißt es:
Avidyā-asmitā-rāga-dveṣa-abhiniveśāḥ kleśāḥ
„Unwissenheit, Ich-Verblendung, Anhaftung, Abneigung und Festhalten am Leben sind die Ursachen des Leidens.“
Diese fünf Kleśas – wörtlich: „Verdunkelungen“ oder „innere Schleier“ – sind wie feine Nebelschichten, die unser klares Bewusstsein einhüllen. Sie trüben unseren Blick auf das, was wir in Wahrheit sind: reines, bewusstes Sein.
In diesem Blogbeitrag bekommst du einen tieferen Einblick in die 5 Kleśas: was sie entstehen, wie sie sich in unserem modernen Alltag zeigen und wie wir mit ihnen umgehen können um mehr Freiheit zu erlangen. Viel Spaß damit und jede Menge Experimente und gute Erkenntnisse! Here we go!
1. Avidyā – das Vergessen, wer wir wirklich sind
Yoga Sutra II.5
Anityāśuci-duḥkhānātmasu nitya-śuci-sukha-ātma-khyātir avidyā
Avidyā ist das Verkennen des Vergänglichen als ewig, des Unreinen als rein, des Schmerzhaften als freudvoll und des Nicht-Selbst als Selbst.

Im Yoga Sūtra II.5 beschreibt Patanjali Avidyā als den Zustand, in dem wir das Vergängliche für das Dauerhafte, das Unreine für das Reine, das Schmerzvolle für das Glückliche und das Nicht-Selbst für das Selbst halten. Avidyā ist also nicht bloß ein Mangel an Wissen im Sinne von intellektueller Unwissenheit, sondern eine existentielle Verblendung, ein tiefes Verkennen unserer wahren Natur, ein grundlegendes Missverständnis über das Leben und über uns selbst. Man könnte auch sagen: Avidyā ist der feine Schleier, der sich über unsere Wahrnehmung legt, so durchsichtig, dass wir ihn kaum bemerken, und doch so mächtig, dass er unser Denken, Fühlen und Handeln entscheidend prägt.
Patanjali nennt in diesem Vers vier typische Verwechslungen, die aus Avidyā entstehen:
- Wir halten das Vergängliche für ewig – zB wenn wir glauben, Erfolg, Besitz oder Beziehungen könnten uns dauerhaftes Glück schenken.
- Wir halten das Unreine für rein – zB wenn wir äußere Schönheit, Status oder Körperideale überhöhen und die innere Essenz übersehen.
- Wir halten das Schmerzvolle für glücklich – zB wenn wir uns in kurzfristige Vergnügungen flüchten und meinen, darin Erfüllung zu finden.
- Und schließlich halten wir das Nicht-Selbst – dh Körper, Persönlichkeit, Geschichte – für das Selbst, das aber in Wahrheit reines, unveränderliches Bewusstsein ist.
Diese vier Missverständnisse sind die Wurzeln, aus denen all unsere Irrtümer, Anhaftungen und Ängste erwachsen. Avidyā ist also die Mutter aller Kleśas, und damit der Ursprung allen Leidens.
Wie Avidyā entsteht: Das Verkennen unserer wahren Natur
Im Zustand von Avidyā identifizieren wir uns mit dem, was wir beobachten können, anstatt uns als das Beobachtende zu erkennen. Damit ist Avidyā das tiefe Verkennen unserer wahren Natur: dass wir reines Bewusstsein (puruṣa) sind, das unveränderlich bleibt, egal was geschieht. Auf einer tiefen Ebene haben wir vergessen, dass wir nicht das sind, was dem Wandel der Zeit unterliegt und sich verändert. Wir sind nicht die Gedanken, die kommen und gehen. Und wir sind nicht die Geschichten, die wir uns über uns selbst und das Leben erzählen. Solange wir uns mit diesen vergänglichen Aspekten identifizieren, sprich mit dem, was wir beobachten können, leben wir in ständiger Unsicherheit, denn all dies unterliegt dem Wandel.
Avidyā im modernen Alltag
Avidyā verzerrt die Wahrnehmung, wie ein diffuser Schleier, der dich vergessen lässt, wer du wirklich bist: reines Bewusstsein, das alles erlebt, aber nichts davon IST. Im Grunde ist Avidyā sehr subtil und wirkt eher „formlos“ im Hinter- bzw Untergrund. Seinen Ausdruck findet es in den anderen Klesas. Avidyā ist sozsuagen der Boden, auf dem sich alle anderen Klesas entfalten und von dem sie genährt werden.
Wie Avidyā sich wandeln kann
Das tiefe Erkennen von Avidyā beginnt dort, wo wir uns selbst bei der Verwechslung ertappen und in einem dieser Augenblicke der Erkenntnis klar sehen. Wenn du zB still wirst in der Meditation, in der Natur unterwegs bist oder ganz im Flow von kreativem Selbstausdruck aufgehst, kann ein Moment entstehen, in dem du dich selbst „durchschaust“. Du erkennst dann: „Da ist Denken, da ist Fühlen, da ist Leben, aber das bin ich nicht. Ich bin das, was darunter/dahinter sich befindet und all das wahrnehmen kann und beobachtet.“ In diesem Erkennen löst sich Avidyā nicht von jetzt auf gleich auf, doch es verliert an Kraft. Denn sobald du einmal erfahren hast, dass du Bewusstsein bist – sprich: der Beobachter, nicht das Beobachtete – kannst du dich mit jedem Mal ein bisschen leichter wieder dorthin zurückerinnern. Das ist das Herz der Yogapraxis.
Praxisimpuls: Meine liebste Übung
Durch die Brille der Neurowissenschaft betrachtet produziert unser Geist ununterbrochen Gedanken und Bilder. Daraus entwickelt er Geschichten über uns selbst und das Leben an sich. Und obwohl diese geistige Aktivität so omnipräsent ist und selten zur Ruhe kommt, ist nichts davon verlässlich und auch nicht wirklich wahr. Es sind einfach nur Gedanken, die an vielen Stellen im Grunde auch austauschbar wären. Wenn wir den alten Yogatraditionen glauben, dann kratzen diese unentwegten Aktivitäten des Geistes nur an der Oberfläche. Die eigentliche Wahrheit, das, was wir wirklich sind, nämlich reines Bewusstsein, das liegt DARUNTER. Diese Ebene ist uns aber im alltäglichen Wachbewusstsein kaum zugänglich. Dennoch lenkt sie uns in allem was wir denken, fühlen und entsprechend auch in dem, wie wir handeln.
Ein Weg um Zugang zu diesem sonst eher unbewussten Bereich in uns zu erhalten ist über Yoga Nidra. Übersetzt bedeutet es in etwa „der yogische Schlaf“. Während wir Yoga Nidra üben, sinken wir vom Denken zunächst ins Fühlen und vom Fühlen in die tiefsten Schichten unseres Seins: ins reine Bewusstsein. Anders als im Traum können wir im Zustand von Yoga Nidra die ganze Zeit über alles ganz bewusst beobachten. So können Teile aus diesen tiefen Schichten des Seins auf ganz natürliche Weise ins Wachbewusstsein fließen und dort integriert werden. Das geschieht, während wir Yoga Nidra üben, ganz von selbst, auf ganz natürliche Weise und völlig mühelos.
Wenn ich also nur eine Übung mit auf eine einsame Insel nehmen könnte, dann wäre es Yoga Nidra!
Warum?
Weil Yoga Nidra erstens sehr entspannend und ausgleichend wirkt, auf Körper, Geist und Seele. Und das kann man ja irgendwie immer gebrauchen. Dann, weil Yoga Nidra vielen Menschen viel leichter fällt als zu meditieren. UND weil es eine der spirituellsten Übungen ist, die ich kenne. Vielleicht ist es sogar DIE spirituellste, weil sie uns zur Tiefe unseres Seins bringt. Und weil sie, was die Klesas betrifft, eben genau an der Wurzel allen Übels ansetzt. Also genau da, wo die Klesas entspringen, sich entfalten und genährt werden.
Yoga Nidra unterstützt uns dabei, diese grundlegende Verkennung von dem, was wir wirklich sind, mehr und mehr zu überbrücken und uns im Zuge dessen auf einer tiefsten Ebene (wieder) mit uns selbst zu verbinden. Und je mehr wir das üben und dadurch kultivieren, desto mehr Flow kann im Leben entstehen, auf ganz natürliche Weise! Mega oder?!? Hier kannst du dir eine Basisversion von Yoga Nidra für 0,- Euro runterladen 🙂
2. Asmitā – das Ego, das sich wichtig nimmt
Yoga Sutra II.6
Dṛg-darśana-śaktyor ekātmatā iva asmitā
Asmitā ist das scheinbare Einssein der Sehkraft (des Sehenden) und der Fähigkeit zu sehen (des Geistes).

Im Yoga Sūtra II.6 beschreibt Patanjali sehr präzise, wie das Ego (Asmitā) überhaupt entsteht, nämlich als Verwechslung zweier Kräfte in uns:
- dṛg-śakti – die Kraft des Sehenden: das reine Bewusstsein, das alles wahrnimmt (das, was du wirklich BIST).
- darśana-śakti – die Kraft des Sehens: der Geist, der denkt, fühlt, urteilt, reagiert (das Werkzeug, mit dem du die Welt ERFÄHRST).
Wenn diese beiden Kräfte als EINS wahrgenommen werden, also wenn das Bewusstsein sich mit dem Geist verwechselt, dann entsteht Asmitā, das Gefühl von: „Ich bin der Denkende“ / „Ich bin der Handelnde“ / „Ich bin dieser Körper“ / „Ich bin diese Geschichte“.
Patanjali sagt „ekātmatā iva“ – als wären sie eins. Das ist entscheidend, denn in Wahrheit sind sie NICHT identisch. Unser wahres Selbst, also das reine Bewusstsein (puruṣa), bleibt frei, unveränderlich und unberührt. Doch durch Avidyā (das Vergessen/Verwechseln) SCHEINT es, als wären Bewusstsein und Geist dasselbe. So entsteht die Illusion eines getrennten Ichs. Und so entsteht das Ego (Asmitā), das sich mit seinen Gedanken, Gefühlen und Rollen verwechselt.
Wie Asmitā entsteht – die Identifikation mit dem meinenden Geist
Asmitā ist die konkrete Form, die Avidyā annimmt, dh aus dem Vergessen bzw der Verwechslung (Avidyā) geht das Ego (Asmitā) hervor, also die Identifikation mit dem denkenden, meinenden Geist. Der menschliche Geist produziert ununterbrochen Gedanken, die dann, wenn wir uns mit ihnen identifizieren, zu (unseren Lebens-)Geschichten werden, die wir in unseren Erinnerungen mit Gefühlen verbinden.
Das klingt zunächst abstrakt. Im Grunde ist es aber das, was uns jeden Tag unbewusst antreibt. Wir verwechseln das, was wir SIND, mit dem, was wir denken, fühlen oder darstellen, also was wir MEINEN zu sein. Asmitā ist das Ego-Bewusstsein, das „Ich-Prinzip“, das entsteht, wenn das Bewusstsein selbst sich mit den Inhalten identifiziert, die es wahrnimmt. Asmitā entsteht, wenn wir uns mit der Stimme im Kopf verwechseln, die in uns allen spricht und die ständig kommentiert, vergleicht und bewertet und dadurch eine Ich-Identität konstruiert aus Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen und sozialen Rollen. So wird aus dem reinen „Ich bin“ plötzlich ein „Ich bin ETWAS“: „Ich bin schön.“ / „Ich bin erfolgreich.“ / „Ich bin verletzt.“ / „Ich bin Yogalehrerin.“ / „Ich bin nicht genug.“ / „Ich bin Anarchist“ / „Ich bin Mutter zweier Töchter“
Im Yoga wird das Ego nicht als „Feind“ gesehen. Es ist ein notwendiges Werkzeug, um uns in der Welt zu orientieren. Ohne ein gesundes Ego könnten wir keine Entscheidungen treffen, keine Grenzen setzen, keine Verantwortung übernehmen. Problematisch wird es erst, wenn wir VERGESSEN, dass das Ego (nur) ein Werkzeug ist und nicht das, was wir wirklich SIND. Denn nichts von dem, was das Ego meint zu sein, ist DAUERHAFT WAHR. Und was passiert, wenn die Schönheit vergeht, der Erfolg ausbleibt, die Rolle sich verändert? Wenn wir uns zu sehr mit einer (dem Wandel unterliegenden) Form identifizieren, entsteht automatisch Angst, sie zu verlieren. Und genau dort beginnt das Leiden.
Hier erinnert uns Yoga: Das wahre Selbst denkt nicht, es BEOBACHTET.
Asmitā im modernen Alltag
In der heutigen Welt ist Asmitā fast zur Norm geworden. Wir lernen früh, uns zu definieren – über Leistung, Aussehen, Rollen, Meinungen, Zugehörigkeit, selbst durch Spiritualität: „Ich bin eine gute Mutter“, „Ich bin Sohn von…“, Ich bin Engländer“, „Ich bin erfolgreich“, „Ich bin alt“, „Ich bin sensibel“, „Ich bin fortgeschritten in meiner Praxis, weil ich den Kopfstand kann.“ / „Ich bin spirituell, weil ich meditiere.“ / „Ich bin achtsam.“
Wenn ich mich über meinen Beruf identifiziere, zerfällt mein Selbstbild, sobald ich ihn verliere. Ebenso, wenn ich denke, dass ich meine Rolle als Mutter oder Partnerin bin, gerate ich in Verwirrung, wenn sich diese Rolle verändert, zB wenn die Kinder ausziehen oder mein Partner mich verlässt. Und wenn ich überzeugt bin „ich bin mein Körper“, werde ich mit jedem Anzeichen von Vergänglichkeit hadern und dagegen ankämpfen.
Asmitā kann laut auftreten, zB als Stolz, Rechthaben und Überlegenheit. Oder es zeigt sich ganz leise, zB als Selbstzweifel oder als Gefühl, „nicht genug“ zu sein. „Ich bin nicht gut genug“ ist ebenso Ego wie „Ich bin besser als andere“. Beides kreist um das gleiche (irrtümliche) Zentrum: Ich
Im Alltag zeigt sich Asmitā also überall dort, wo wir uns über Identitäten definieren, zB wenn Kritik uns verletzt, weil sie unser Selbstbild bedroht oder wenn wir in Beziehungen bestimmte Erwartungen haben, die unser „Ich“ bestätigt sehen will oder wenn wir in Konflikten nicht zuhören können, weil unser Ego um Recht kämpft. Je feiner wir diese Tendenz wahrnehmen, desto freier werden wir, denn sobald wir erkennen: „Ah, das ist hier gerade mein Ego, das wieder etwas (sein) will“, öffnet sich Raum. Und in diesem Raum wird das möglich, was Patanjali Yoga nennt: das Wiedererkennen des wahren Selbst, das unter/hinter all dem liegt, was wir meinen zu sein.
Beispiele für Asmita – die Identifikation mit dem Ich-Prinzip
In Beziehungen:
Wir fühlen uns schnell angegriffen, weil jede Rückmeldung an unserem Selbstbild kratzt. Wir reagieren aus Verletzung statt aus Klarheit, weil wir glauben, Kritik ginge an unser Wesen und nicht an unser Verhalten.
Im Beruf:
Asmitā bindet uns an Rollen: die erfolgreiche, die kompetente, die unentbehrliche Person. Jeder Fehler wird zur Identitätskrise. Wir arbeiten nicht nur viel, sondern auch für unser Ego, das in Anerkennung seine Existenz bestätigt sieht. Vielleicht identifizierst du dich auch über deinen Erfolg: „Ich BIN meine Leistung.“ – und fühlst dich wertlos, wenn du nicht glänzt.
Im Körper:
Wir identifizieren uns mit dem, was unser Körper leisten kann: Flexibilität, Kraft, Ausdauer. Fällt etwas davon weg, fallen wir mit. Wir sehen hier dann nicht mehr einen Körper, der Erfahrungen macht, sondern „ich“ und ich „versage“. Du misst deinen Wert daran, was dein Körper „kann“.
In der Spiritualität:
Asmitā zeigt sich in subtiler Überhöhung: „Ich bin bewusster, achtsamer, weiter.“ Spirituelle Praxis wird zur Bühne für das Ego, das sich über Entwicklung definiert. Dabei übersieht es, dass Bewusstsein nichts besitzt – auch keine Fortschritte.
Wie Asmitā sich wandeln kann
Das Ziel ist nicht, das Ego zu bekämpfen oder zu zerstören, denn das wäre nur ein weiterer Ausdruck von Asmitā. Zudem brauchen wir das „Ich“ um in der Welt zurecht zu kommen und unser Leben zu gestalten. Vielmehr geht es darum, es BEWUSST zu DURCHSCHAUEN, denn wenn du Asmitā bewusst wahrnimmst, verliert es seine Macht. Jedes Mal, wenn du erkennst: „Da spricht mein Ego“, bist du genau dann schon jenseits davon, denn nur das Bewusstsein kann das sehen. Diese Erkenntnis befreit uns von dem inneren Kampf, jemand Bestimmtes sein zu müssen und sie führt uns zurück in die Stille hinter all dem Treiben, all dem Auf und Ab und all den Stimmen, die an uns zerren: dorthin, wo wir einfach SIND.
Praxisimpulse: Drei Übungen
Hier hab ich drei Ideen für dich mitgebracht, wie du den Aspekt von Asmitā in deinem Alltag aufspüren und damit üben kannst. Viel Spaß dabei!
Eine hilfreiche Verschiebung
Formulierungen wie „Ich bin gestresst“ sind Asmitā, denn Stress ist ein Zustand im Geist, nicht in deinem Wesen. Präziser (und befreiender) ist folgende Ausdrucksweise: „Da ist Stress – und ich nehme ihn wahr.“ Dasselbe mit Freude, Angst, Trauer: „Da ist Freude/Angst/Trauer – und ich nehme sie wahr.“ Diese kleine sprachliche Verschiebung verändert viel. Das Bewusstsein tritt aus der Verwechslung heraus, Asmitā beginnt sich zu lösen und du wirst wieder dṛg: der Sehende, der Beobachter, der stille Zeuge.
Wer denkt meine Gedanken?
Setze dich bequem hin. Schließe die Augen, wenn das für dich angenehm ist und richte deine Aufmerksamkeit nach innen. Spüre deinen Atem, zB an den Nasenflügeln oder an der sanften Bewegung der Bauchdecke. Lass die Atmung ganz natürlich fließen. Und wenn du soweit bis, beobachte doch mal für eine Weile deine Gedanken – ohne sie festzuhalten oder etwas damit zu machen. Sieh sie einfach als Angebote, als Möglichkeiten, die in deinem Geist auftauchen und die du annehmen kannst oder eben auch nicht.
Welche Gedanken zeigen sich denn da? Vielleicht überlegst du, was du heute Abend kochen wirst!? Oder du erinnerst dich an deine nervige Kollegin, die dir vorhin mal wieder so richtig auf den Senkel gegangen ist!? Oder du merkst, das dein Pulli kratzt und dann kommt dir die Idee, vlt mal ein anderes Waschmittel zu testen. Dann fällt dir ein, dass du für deine Nichte noch ein Gebursttagsgeschenk kaufen wolltest. Und so weiter und so fort. Sag dir innerlich, bei jedem Gedanken, der dir bewusst wird: „Ah, da ist ein Gedanke(nangebot).“ Kehre dann sanft zu deinem Atem zurück und verweile dort mit deiner Aufmerksamkeit. Und wenn dann wieder ein Gedanken aufkommt (und das wird er ganz sicher), sag dir wieder, sobald es dir bewusst wird: „Da ist ein Gedanke(nangebot).“ Und kehre dann sanft wieder zu den Atemempfindungen an deinen Nasenflügeln oder deiner Bauchdecke zurück und verweile dort mit deiner Aufmerksamkeit.
Wenn anstatt Gedanken vielleicht Körperempfindungen oder Gefühle auftauchen, benenne sie ebenso: „Da ist ein Gefühl(sangebot).“ / „Da ist eine Empfindung(smöglichkeit).“ Und kehre dann jedes Mal sanft zu deinem Atem zurück.
Wenn du das für eine Weile geübt hast, dann frag dich folgendes: wenn da jemand ist, der deine Gedanken beobachtet, dann kann derjenige ja nicht gleichzeitig diese Gedanken sein…?!
Spannend oder?
Das bedeutet: Du bist nicht deine Gedanken!
An vielen Stellen sind die Gedanken im Grunde austauschbar, was oftmals sogar gut wäre, weil sie dann vlt an vielen Stellen viel positiver und damit förderlicher wären. Wir brauchen sie daher oftmals garnicht zu glauben! Wir müssen nicht alle Gedankenangebote annehmen! Sondern es reicht, sie einfach wahrzunehmen und dann vorbeiziehen zu lassen. Ach ja, und nimm das Bewusstsein mit, dass da deine Gedanken sind, die durch deinen Geist strömen, Tag ein, Tag aus. Und da bist du, sprich: der- oder diejenige, der/die diesen Gedankenstrom beobachten kann.
Ich bin – thats it
Setze dich für einen Moment still hin. Lege eine Hand auf dein Herz und sag dir innerlich: „Ich bin.“ Nicht: Ich bin gut. Nicht: Ich bin dies oder das. Sondern nur: „Ich bin.“ Spüre, wie sich dieser Satz anfühlt, ohne jede Ergänzung. Vielleicht taucht Stille auf, vielleicht Widerstand, oder der dringende Wunsch, etwas hinzuzufügen, vielleicht Leere. Alles darf da sein. Bleibe in diesem Unterschied zwischen „Ich bin etwas“ und dem „ich bin“. Diese einfache Übung kann zu einem tiefen Anker mitten im Alltag werden, in Gesprächen, in Momenten, in denen du dich in deinem Ego verlierst. Immer wenn du dich verteidigst, rechtfertigst, beweisen willst, mach eine kurze bewusste Pause und sag dir innerlich: „Ich bin – thats it!“
Zwischenstopp 1: Avidyā und Asmitā
Auf den ersten Blick scheinen Avidyā und Asmitā sich sehr ähnlich zu sein. Deshalb möchte ich hier nochmal auf den Punkt bringen, wie sie zusammenhängen und sich dadurch auch unterscheiden.
Avidyā ist das tiefe Vergessen unserer wahren Natur. Es wirkt still und subtil im Hintergrund, wie ein Grundton, auf dem alle anderen Klesas spielen. Avidyā ist also in gewisser Weise nicht wirklich aktiv, sondern eher verzerrend. Es lässt uns die Welt wie durch eine getrübte Linse wahrnehmen, die uns nicht (mehr) erkennen lässt, was wir wirklich sind: reines Bewusstsein.
Auf dieser grundlegenden Verkennung (Avidyā) baut Asmitā das Ego-Prinzip, also die Identifikation mit dem denkenden meinenden Geist – dieses Ich, dass sich definiert über Gedanken, Gefühle, Ideen, Rollen und Lebensentwürfe. Asmitā sagt: „Ich bin das, was ich denke, fühle, tue oder besitze.“ Somit ist Asmitā eine Art Ausdruck von Avidyā. Asmitā ist wie ein Schauspieler, der so tief in seiner Rolle aufgeht, dass er sie nach der Aufführung nicht mehr ablegen kann, weil er vergessen hat, dass es nur eine Rolle ist. Er sagt nicht mehr: „Ich spiele Hamlet“, sondern: „Ich BIN Hamlet.“
3. Rāga – das Festhalten am Angenehmen
Yoga Sūtra II.7
Sukha-anuśayī rāgaḥ
Rāga ist das, was sich an angenehme Erfahrung anheftet.

Im Yoga Sūtra II.7 beschreibt Patanjali Rāga als die Tendenz des Geistes, sich an Lust, Freude und angenehme Zustände zu klammern. Nicht der Genuss an sich ist das Problem, denn Yoga ist kein Verzichtskult, sondern Leiden entsteht dort, wo aus Genießen ein Festhalten wird. Rāga ist genau dieses Festhalten an schönen Erfahrungen. Wir wollen das Gute nicht loslassen. Das können zB Menschen, Erfolge oder auch Zustände. Rāga sagt: „So wie eben soll es bleiben.“ Doch alles, was Form hat, also im Grunde alles in dieser Welt, unterliegt dem Wandel und verändert sich. Aus genau dieser Reibung entzündet sich innerer Stress. Das Yoga Sutra lehrt uns: Wer am Fluss des Lebens festhalten will, wird unweigerlich leiden. Yoga erinnert uns demnach daran, Freude zu genießen, ohne sie besitzen zu wollen.
Wie Rāga entsteht – die Sehnsucht nach dem Angenehmen
Eine angenehme Erfahrung → das natürliche Bedürfnis, sie zu wiederholen → eine leise Erwartung → ein unmerklicher Anspruch → und schließlich: Festhalten. So entsteht Rāga. Am Anfang erleben wir etwas Schönes: ein Moment von Freude, Nähe, Erfolg, Leichtigkeit. Der Geist speichert diesen Zustand als angenehm und unser Nervensystem möchte ihn wieder spüren. Das ist zunächst völlig natürlich. Wir alle sind Menschen und suchen nach Wohlgefühl, nach Sicherheit, nach Vertrautheit, letztlich nach Glück. Doch unbemerkt entsteht aus der Freude am Erleben ein Wunsch nach Kontrolle über das Erlebte.
Wir beginnen, uns auszurichten auf das, was wir kennen und mögen und zu vermeiden, was dieses Gefühl stören könnte. So wird aus Genuss ein Ziel, aus Ziel ein Bedürfnis, aus Bedürfnis ein Anspruch. Zwischen Genuss/Wertschätzen und Anhaften liegt oft nur ein kaum spürbarer Zentimeter. Das ist der Moment, in dem wir uns, meist unbewusst, innerlich sagen: „DAS brauche ich, damit es mir gut geht. Ohne DAS kann ich nicht (mehr) glücklich sein.“
In diesem Augenblick verschiebt sich etwas Subtiles, aber Zentrales. Wir übergeben die innere Steuerung an ein äußeres Objekt, an einen Menschen, einen Zustand, ein Ergebnis oder sogar an ein Idealbild von uns selbst. Von da an hängt unser Wohlbefinden an einer Bedingung, und unser inneres Gleichgewicht verliert seine eigene Mitte.
Und es kommt noch dicker 😉 Rāga macht uns nicht nur begierig bis hin zur Abhängigkeit, sondern auch blind. Wir übersehen das, was JETZT da ist, weil wir nach dem GESTERN greifen und nach dem MORGEN streben, weil wir innerlich Festhalten an dem, was WAR und was WIEDER SEIN SOLL. Wir übersehen den gegenwärtigen Moment, während wir ihn gleichzeitig zu sichern versuchen.
Das Paradoxe daran: Je mehr wir das Angenehme festhalten wollen, desto mehr entgleitet es uns. Denn das Leben, in seiner Natur, fließt. Ständig! Immer! UNUNTERBROCHEN! Es lässt sich nicht konservieren, sondern nur erfahren. HIER und JETZT. Jede Erfahrung, so schön sie auch ist, trägt die Spur ihres früheren oder späteren Endes bereits in sich. Und genau diese Vergänglichkeit ist es, die jede Erfahrung, jeden Moment, doch so kostbar macht.
Rāga verführt uns dazu, diesen Fluss stoppen zu wollen. Wir möchten den Sommer einwecken, den Liebesmoment bis in alle Ewigkeit aufrechterhalten, die Yogapraxis immer „so gut“ haben wie gestern. Aber jedes Mal, wenn wir versuchen, eine Welle festzuhalten, rinnt uns einfach bloß das Wasser durch die Finger und wir verlieren den Blick für die Kostbarkeit des Ozeans. Hier erinnert uns Yoga: Glück liegt nicht im Bewahren einer Form, sondern im bewussten Mitfließen mit dem Wandel.
Rāga im modernen Alltag
Rāga ist im Alltag allgegenwärtig. Es kann ebenso lait auftreten, zB als Ehrgeiz, Abhängigkeit und Sucht, Drang nach Kontrolle, wie leise und subtil im Inneren. Noch dieses Projekt, diese Reise, diese Diät, dieses Kleidungsstück, diese Beziehung, DANN bin ich zufrieden. Doch kaum ist der Moment da, schiebt sich schon der nächste Anspruch hinterher. So verwandelt sich gesundes Engagement in Ehrgeiz und Rastlosigkeit. Raga ist dieser innere Drang, „mehr“ zu wollen. Es ist dieses Unbehagen, wenn Dinge anders laufen, als wir es geplant haben oder wenn etwas Schönes zu Ende geht. Es ist dieses Ziehen hin zu dem, was „gut“ und angenehm für uns ist und daher erstrebenswert scheint. Und es ist dieses Greifen nach dem „guten“ Ich-Gefühl. Wir wollen uns „stimmig“ fühlen. Das ist verständlich, weil menschlich.
Gerne tarnt Rāga sich als gesundes Ziel, Ambition, Leidenschaft oder Selbstfürsorge und wirkt dabei stellenweise sogar ganz vernünftig. Wir nennen es dann Motivation, Hingabe, Selbstdisziplin. Und dennoch steckt auch DArunter oftmals das subtile, kaum wahrnehmbare Festhalten an einem bestimmten Zustand, einem Ideal, einem „So sollte/muss es sein“ oder „Ich will mehr davon“. Wir greifen nach guten Momenten, schönen Gefühlen, Anerkennung oder Erfolg und hoffen, sie festhalten zu können. So bindet Rāga uns an Sehnsüchte, Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen: an das, was war, oder an das, was wieder sein soll.
Wir verlieren die Leichtigkeit des Erlebens im Hier und Jetzt und verwechseln Fülle mit Besitz. Die Aufmerksamkeit fixiert sich auf das Gewünschte. Alles andere tritt in den Hintergrund. Wir hören und sehen zwar, aber durch den Filter von Erwartung. Wie durch ein Fernglas fokussieren wir nur noch auf das, was „stimmen“ soll und verlieren die Weite, in der sich das Leben entfalten will. Wenn wir also beginnen, dieses „gute“ Gefühl BESITZEN und ERZWINGEN zu wollen, verlieren wir unsere Beweglichkeit. Der gegenwärtige Moment, das Hier und Jetzt, wird dabei übergangen. Wir sind zwar physisch da, aber innerlich entweder ein paar Sekunden zu spät oder zu früh.
Unbemerkt werden wir eng und es entsteht der Eindruck von Druck und Stress, obwohl es in Wahrheit ein Mangel an Präsenz ist und das Resultat eines inneren Festhaltens an etwas, das sich natürlicherweise verändern will. Rāga lässt uns kämpfen gegen die Bewegung des Lebens und das ist nunmal anstrengend. Wir versuchen, die Welt zu stabilisieren, damit wir uns selbst sicher fühlen können. Doch das Leben ist und bleibt nunmal Bewegung und mit jeder starren Fixierung auf ein „So soll/muss es sein“ geht uns ein Stück Wahlfreiheit und innerer Frieden verloren. Wir reagieren statt zu gestalten, erzwingen statt mitzufließen. Erst wenn wir bemerken, dass wir festhalten, können wir wieder frei genießen.
Einige Beispiele, wie Rage sich zeigt:
In Beziehungen:
Wir klammern uns an Harmonie, Nähe, Bestätigung, an Momente, die sich „richtig gut“ anfühlen. Das ist zutiefst menschlich. Doch wenn Liebe zur Bedingung wird, verliert sie ihre Leichtigkeit. An die Stelle echter Begegnung tritt Erwartung.
Im Beruf:
Wir sehnen und nach Anerkennung und jagen Erfolgsmomenten hinterher: dem Applaus, dem Flow, dem Stolz. Antrieb wird zu Abhängigkeit. Kaum ist ein Ziel erreicht, entsteht das nächste, das wir anstreben. Der Geist sucht das Hochgefühl und wir fixieren uns auf ein Idealbild von Karriere und Erfolg.
Im Körper:
Wir wollen immer gute Körpergefühle: Leichtigkeit, Kraft, Vitalität. Wir machen und abhängig von Morgenroutinen und jagen der perfeklten Yogapraxis hinterher. Müde oder schwere Tage werden abgelehnt. Wir streben nach dem angenehmen Zustand und verpassen dabei den Körper, dessen Weisheit im Wandel liegt.
In der Spiritualität:
Wir sehnen uns nach Zuständen, die sich „erhaben“ anfühlen. Und wenn sie nicht kommen, glauben wir, falsch zu praktizieren. Wir fixieren und auf Rituale, Symbole, irgendwelche äußere Formen. Rāga bindet Praxis an Bedürfnisse und trennt uns von der Offenheit, die Spiritualität eigentlich ist.
Besonders bei Raga: Social Media
Scrollen, Likes, Nachrichten – wir alle kennen diese kleinen Belohnungsschleifen, die unser Nervensystem auf „mehr“ trainieren. Jede Benachrichtigung wird zum Mini-Rāga: ein kurzer Schub von Relevanz, gefolgt von der Leere, die sofort wieder gefüllt werden will. So wird Aufmerksamkeit zur Währung unserer schnelllebigen Welt und Präsenz zum seltenen Luxus.
An den Beispielen wird deutlich: Rāga ist ein Chamäleon und zieht weite Kreise in unserem Alltag, oft dort, wo wir am meisten lieben, hoffen, streben. Und auch genau darin liegt sein Geschenk: Es zeigt uns, wo wir festhalten, weil wir Angst haben, in die Leere zu fallen. Rāga erinnert uns daran, dass wahre Fülle nicht aus Besitz entsteht, sondern aus dem Vertrauen, dass jeder Moment, jeder Atemzug uns neu trägt.
Wie Rāga sich wandeln kann
Im Yoga geht es nicht darum, das Schöne, Liebevolle oder Erfüllende zu meiden, im Gegenteil: Das Leben will voll erlebt werden, in allen Facetten. Aber es geht darum zu lernen, das Angenehme zu erleben und durch uns hindurchfließen zu lassen, ohne es besitzen zu wollen, denn Festhalten engt ein – berühren und mitfließen hingegen öffnet. Das eine will sichern, das andere lässt frei. So entsteht die subtile, aber entscheidende Veränderung: Wir beginnen, das Leben zu empfangen und zu gestalten, statt es festhalten und besitzen zu wollen.
Das bedeutet: Schönheit wahrnehmen, ohne sie festzuhalten, Liebe spüren, ohne sie zu binden, Freude genießen, ohne ihr hinterherzulaufen. Und auch Schmerz fühlen, ohne ihn zu dramatisieren oder sofort loswerden zu wollen. Du darfst dich freuen, lieben, feiern, genießen, bleibst dabei aber innerlich frei. Das Leben darf sich entfalten, wandeln und verändern und du fühlst es, kostest und wertschätzt es in seiner ganzen Fülle, ohne dass du dich selbst darin verlierst.
Rāga verwandelt sich, wenn wir lernen, uns dem Fluss des Lebens anvertrauen und die Dinge zu BERÜHREN, statt sie kontrollieren und festzuhalten zu wollen, denn im Berühren liegt Weichheit, im Greifen Spannung. So wird jede Erfahrung, angenehm oder nicht, zu einer Gelegenheit, das tiefe Vertrauen ins Leben selbst zu üben: Vertrauen in das Kommen und Gehen, in das Werden und Vergehen. Denn wenn du diesen steten Wandel annehmen kannst, bleiben Erfahrungen nicht als Besitz sondern als Essenz des Erlebten in dir, als eine Spur von Fülle, als Erinnerung an das, was dich berührt hat. Genau hier, in diesem rhythmischen Mitfließen, beginnt Yoga lebendig zu werden: als innere Freiheit mitten im Genuss des Lebens.
Praxisimpuls: Fülle ohne Festhalten
Patanjali weist in Yoga Sūtra II.10–II.11 darauf hin, dass die Kleśas, also die Ursachen des Leidens, durch die Praxis von Bewusstheit und Meditation geschwächt werden können. Also nicht durch Kampf, sondern durch Erkenntnis. Wenn dir etwas bewusst wird, du es erkennst, dann verliert es seine Macht und du kannst es bewegen. Für Rāga bedeutet das: Wahrnehmen, würdigen, loslassen und im Besten Fall auch noch verankern – immer wieder. Ein Kreislauf der Bewusstheit, der dich mehr und mehr in die Freiheit führt. Dieser simple Zyklus aus vier Schritten hilft dir, das Schöne im Leben bewusst zu erleben ohne daran kleben zu bleiben. Du kannst ihn jederzeit anwenden: nach einem Kompliment, einem guten Gespräch, einem angenehmen Erlebnis.
1. Erkennen – „Da ist Anhaften.“
Nimm wahr, wenn du etwas festhalten möchtest, weil es dir gefällt: den Geschmack, die Anerkennung, das gute Gefühl.
Spüre dieses leise: „Noch einmal! Noch mehr davon! Noch ein bisschen länger! Frei von Urteil und Widerstand, nur ehrliches Wahrnehmen und Erkennen: Da ist ein Impuls, zu greifen. Allein das schafft schon Abstand. Du bist nicht das Festhalten! Du bist das Bewusstsein, das es bemerkt.
2. Würdigen – „Danke, das war schön.“
Bleib für ein zwei Atemzug bei der Erfahrung und lass ganz bewusst Dankbarkeit in dir aufkommen: für den Geschmack, das Lächeln, den Moment der Verbundenheit. Danke! Würdigung öffnet das Herz und erlaubt der Erfahrung, sich zu vollenden, statt abrupt und unbewusst zu enden und dadurch Raum für Gier und Mangel zu hinterlassen.
3. Loslassen – „Danke – und Tschüss.“
Sag dir innerlich diesen Satz und lasse mit jedem Ausatmen etwas mehr los. Spüre, wie mit jedem Atemzug, mit jedem Loslassen mehr und mehr Raum entsteht. Durch Loslassen geben wir die Erfahrung zurück an die Bewegungen des Lebens und üben uns in dem Vertrauen, dass Loslassen kein Verlust ist, denn das Leben bringt Neues, immer wieder, zur rechten Zeit, in passender Form.
4. Verankern – „Ich bin da.“
Spüre die Stille nach dem Erleben, die Weite in dir. Erinnere dich: Ich bin nicht die Erfahrung, und ich bin auch nicht die Sehnsucht, sondern ich bin das Bewusstsein, das sie wahrnimmt. Hier liegt die wahre Fülle: Präsenz ohne Festhalten.
Wenn du diese vier Schritte regelmäßig übst, selbst nur in kleinen Dingen, verändert sich etwas Grundlegendes: Du nimmst das Leben in all seiner Fülle wahr, doch du bleibst innerlich frei. Du genießt, ohne zu greifen, und du lässt los, ohne zu verlieren. Das ist die stille Alchemie des Yoga: Erleben ohne Anhaften – Lieben ohne Besitzen – Sein ohne Bedingung.
Zwischenstopp 2: Avidyā, Asmitā und Rāga
Du bist noch dabei! Wie toll! Blickst du noch durch? Das war bis hierhin ja echt viel! Und weil noch mehr kommt, fasse ich erst nochmal kurz das bis hierin Wichtigste zusammen:
Avidyā ist die Ursache aller Klesas und verstärkt sie. Es verzerrt die Wahrnehmung. Es ist wie ein diffuser Schleier, der dich vergessen lässt, wer du wirklich bist: Bewusstsein, das alles erlebt, aber nichts davon IST. Asmitā baut daraus ein Ich, dh Asmitā ist in gewisser Weise der AUSDRUCK des Vergessens. Asmita ist die konkrete Form, die Avidyā annimmt. Es ist das Ego-Prinzip, das „Ich“, das sich über Gedanken, Gefühle, Ideen und Rollen definiert und das Besitz ergreift, sich abgrenzt, vergleicht, rechtfertigt oder überhöht.
Rāga (die Anhaftung) wächst aus Avidyā (dem Vergessen) und wird von Asmitā (dem Ego, das aus der Verwechslung entspringt) befeuert. Nochmal anders gesagt: Vergessen führt zur Verwechslung, daraus erwächst das Ego und das wiederum nährt das Festhalten. Wenn ich vergesse, wer ich wirklich bin, brauche ich etwas, woran ich mich halten kann: Erfolg, Anerkennung, Nähe, ein bestimmtes Körpergefühl in āsana, „gute“ Meditation. Sobald das Angenehme nachlässt (und das wird es), greifen Unruhe, Vergleich, Mangelgefühl. So entsteht Anhaftung. Freude und Genuss kippen in Verlangen und Abhängigkeit.
Klar soweit? 😉 Ok, weiter gehts!
4. Dveṣa – die Abneigung gegen das Unangenehme
Yoga Sūtra II.8
Duḥkha-anuśayī dveṣaḥ
Dveṣa ist das, was sich an leidvolle Erfahrung anheftet.

Im Yoga Sūtra II.8 beschreibt Patanjali Dveṣa als die Kehrseite zu Rāga: die Abneigung gegenüber dem, was uns unangenehm ist. Dveṣa ist also die andere Seite derselben Medaille: Was wir begehren, wollen wir festhalten (Raga) und was wir fürchten, wollen wir kontrollieren, ändern oder beseitigen (Dveṣa). Beides bindet uns an die äußeren Umstände und hält den Geist in ständiger Anspannung.
Wie Dveṣa entsteht – die Wurzel von Ablehnung und Widerstand
Dveṣa entsteht immer dort, wo wir eine Erfahrung als „unangenehm“ einstufen und sie ablehnen. Zuerst ist da also eine Erfahrung, die Unbehagen auslöst – körperlich, emotional oder mental. Ein unangenehmes Gespräch, Kritik, Verlust, ein Gefühl von Ablehnung, Schmerz oder Unsicherheit. Der Geist speichert an dieser Stelle ab: „Das will ich nicht nochmal erleben!“ Wenn später das selbe nochmal oder etwas Ähnliches auftaucht, reagiert er reflexartig mit Ablehnung, Abwehr, Flucht oder Kontrolle. So entsteht ein unbewusstes Muster. Wir versuchen „das Unangenehme“ künftig zu vermeiden, und genau dadurch halten wir es fest und verstricken uns noch tiefer in Angst und Ablehnung. Wir stoßen das Unangenehme fort, statt ihm bewusst zu begegnen.
Nicht die Erfahrung selbst ist also das Problem, sondern unsere Reaktion darauf. Wir beginnen zu kämpfen, gegen das, was ist. So entsteht Leid nicht durch das Unangenehme an sich, sondern durch den inneren Widerstand dagegen. Dveṣa bedeutet wörtlich „Zurückstoßen“. Und genau das tun wir. Wir stoßen Menschen, Situationen oder Gefühle weg, die uns an etwas Unangenehmes erinnern. Doch was wir abwehren, bleibt im Untergrund bestehen und ist weiterhin wirksam. Erst wenn wir lernen, dem Unangenehmen bewusst zu begegnen und es zu HALTEN, verliert es seine Macht. Wachstum geschieht oft genau dort, wo wir an unsere Grenzen geraten, herausgefordert werden, uns vielleicht unwohl fühlen. In der Yogapraxis kann das zB heißen, in einer Haltung zu bleiben, die anfänglich unbequem ist und zu üben, weich zu werden im aufkommenden Widerstand.
Dveṣa im modernen Alltag
Im Alltag ist Dveṣa genauso allgegenwärtig wie Rāga. Dveṣa zeigt sich überall dort, wo wir uns anspannen und innerlich „Nein“ sagen zu etwas. Bei Dveṣa lehnen wir bestimmte Menschen, Gefühle, Themen, Situationen oder auch Anteilen in uns selbst ab, weil sie uns unangenehm sind. Vielleicht kommt Widerstand in uns auf, sobald uns gegenüber Kritik geäußert wird. Oder wir vermeiden Konflikte, um Harmonie zu wahren. Vielleicht überspielen wir unangenehme Emotionen wie Wut, Scham, Ungewissheit oder Traurigkeit. Oder wir vermeiden es, in bestimmte Situationen zu geraten, die uns stressen. Wir weichen dem Kontakt zu bestimmten Personen aus, weil wir sie „umsympathisch“ oder „nervig“ finden. Dveṣa ist also im Grunde das, was wir heutzutage als Trigger bezeichnen.
Gerne kommt Dveṣa aber auch in dem Gewand von „Grenzen setzen“, „positiv bleiben“, „Energie schützen“ oder „gesunder Distanz“ daher. Das nennen wir dann Vernunft, Selbstschutz oder sogar Achtsamkeit. Doch unter dieser Oberfläche kann oftmals etwas ganz anderes liegen: ein subtiles Zurückstoßen, eine innere Anspannung, eine Abwehr dessen, was wir nicht fühlen, nicht sehen, nicht erleben wollen. Wir flüchten uns in Kontrolle oder Ablenkung und verhindern dadurch genau das, was Heilung bringen würde: bewusste Präsenz. Denn Dveṣa löst sich dort, wo wir bleiben und das, was ist, annehmen, statt es abzulehnen und zu bekämpfen oder zu fliehen.
Einige Beispiele, wie Dveṣa sich zeigt
In Beziehungen:
Wir vermeiden (Konflikt)Gespräche, die wehtun könnten, oder ziehen uns zurück, sobald Emotionen intensiver werden. Und wir meiden Menschen, die „zu viel“ werden. Nähe darf warm sein, aber nicht herausfordernd. So entsteht vermeintlicher Friede – durch Flucht.
Im Beruf:
Wir zögern schwierige Aufgaben hinaus, vermeiden Feedback oder reden Probleme schön, um unangenehme Gefühle nicht zu fühlen. Vielleicht entwickeln wir Perfektionismus, um Fehler (und deren Gefühl) zu vermeiden. Dveṣa lässt uns glauben, alles Unangenehme sei gefährlich. Dabei will es uns eigentlich nur wachsen sehen.
Im Körper:
Wir lehnen Müdigkeit, Schwäche oder Schmerz ab, als wären sie Fehler. Wir ignorieren Signale, die uns zum Innehalten einladen. Statt mit dem Körper zu arbeiten, kämpfen wir gegen ihn, und dadurch gegen uns selbst. Wie oft versuchen wir, „unangenehme/negative“ Emotionen zu überspielen oder sie mit positiven Affirmationen zu übertünchen. Dveṣa macht eng, weil es uns von unserer Lebendigkeit abschneidet, denn Wut, Angst, Scham wollen nicht unterdrückt, sondern gesehen und integriert werden. Dveṣa kann sich auch gegen uns selbst richten. Wenn wir eigene Schwächen ablehnen, unangenehme Gefühle unterdrücken oder uns für „nicht gut genug“ halten, bekämpfen wir Anteile von uns, die eigentlich gesehen werden wollen. Das erzeugt innere Trennung, durch die Leid entsteht, denn das, was wir ablehnen, verschwindet nicht einfach, sondern bleibt im Schatten und wirkt von dort aus unbewusst, bis wir bereit sind, es anzuschauen und zu integrieren.
In der Spiritualität:
Wir meiden Schattenarbeit, Komplexität, tiefe Emotionen. Licht ja, Dunkel nein. Wir nutzen „Hochschwingung“ als Ausrede, um Schmerz nicht berühren zu müssen. Doch Dveṣa verhindert das, was Praxis im Kern ist: Ganzwerden. Gerne nutzen wir auch die Achtsamkeit als Alibi, um Gefühle zu umgehen statt zu fühlen („spirituelles Bypassing“). Manchmal kleidet sich Dveṣa auch elegant in das Bedürfnis, alles „positiv zu sehen“, oder in spirituelle Floskeln wie „Ich will keine negative Energie“. Dveṣa kann sich also auch spirituell tarnen als Streben nach Licht, Liebe, Reinheit, „positive Energie“. Wir flüchten ins Helle, um das Dunkle nicht spüren zu müssen. Doch Licht ohne Schatten ist Blendung. Yoga lädt uns ein, die ganze Palette zu halten: Freude und Frust, Klarheit und Chaos, Frieden und Feuer, denn das Herz weitet sich nicht durch Auswahl, sondern durch Annahme.
Genau wie Rage ist auch Dveṣa ein Chamäleon. Manchmal zeigt es sich laut, zB als Kritik, Türenschlagender Rückzug, Ärger, Empörung. Und an anderen Stellen wiederum wirkt es als stille Abwehr: „Ich hab da kein Thema mit“, während innerlich subtil eine Abneigung mitschwingt. Hinter all dem steckt dasselbe Muster: die Angst davor, Schmerz zu fühlen. Wir flüchten uns in Aktivität, in Ablenkung, in Kontrolle um bloß nicht mit dem Unangenehmen konfrontiert zu werden. Paradoxerweise verlängert genau dieser Widerstand den Schmerz, den wir vermeiden wollen.
Wie Dveṣa sich wandeln kann
Dveṣa zeigt uns, wo wir verdrängen, kämpfen und wo wir uns schützen. Und damit zeigt es uns gleichzeitig auch, wo für uns das Potential von Befreiung liegt. Im Grunde ist Dveṣa ein Geschenk, denn du kannst hinschauen und rausfinden: Was passiert da gerade? Was macht das mit mir? Warum? Und wie will ich damit umgehen? Dveṣa löst sich weder durch Verdrängung noch durch Kampf, sondern nur durch Präsenz und Annahme.
Der erste Schritt ist das Erkennen. Das beginnt dort, wo wir wahrnehmen: „Ah, da ist Widerstand, es werden unangenehme Gefühle geweckt durch irgendeinen Auslöser.“ Mit dieser Erkenntnis öffnet sich die Tür zur Freiheit bereits einen ersten Spalt, denn sobald du bewusst wahrnimmst, dass du etwas ausblendest, vermeidest, dich gegen etwas wehrst oder ankämpfst, bist du nicht mehr vollständig darin verstrickt. Zwischen Reiz und Reaktion, also zwischen dem Trigger und deiner Art und Weise automatisch darauf anzuspringen, entsteht dann ein Raum und in diesem Raum kann Befreiung beginnen.
Der zweite Schritt ist das stille Bleiben, auch wenn es unbequem ist. Wenn wir das Unangenehme und Schmerzvolle halten können, uns also erlauben zu spüren, was weh tut, ohne uns zu verschließen oder uns darin zu verlieren, dann verwandelt sich Widerstand in Weichheit, Angst in Mitgefühl, Abwehr in Akzeptanz. Das Unangenehme verliert seine Macht, wenn wir uns dafür öffnen, es zu fühlen. Dann sind Schmerz, Scham, Trauer, Wut oder Angst plötzlich keine Gegner mehr, sondern Boten. Sie zeigen uns, wo Anteile in uns noch Zuwendung brauchen und die Trennung, die durch Widerstand und Abwehr entsteht, kann beginnen sich aufzulösen.
Patanjali beschreibt (II.10–11 sinngemäß), dass subtile Kleśas durch abhyāsa (beständige Übung) und vairāgya (Loslösung) allmählich geschwächt werden. Auf Dveṣa bezogen bedeutet das: Immer dort, wo du merkst: „Da will ich weg“, oder „Da will ich nicht hin“ liegt eine Chance, dem Unangenehmen Raum zu geben ohne dich darin zu verstricken, sprich: dich selbst dabei zu beobachten, wie du dich mitten im Widerstand öffnest und immer mehr loslässt. Das ist keine intellektuelle Leistung, sondern eine körperlich-emotionale Erfahrung. Und dazu braucht es den Atem, eine gute Portion Geduld und ebensoviel Freundlichkeit und Mitgefühl mit sich selbst.
Dveṣa erinnert uns: Frieden entsteht nicht, wenn alles angenehm ist, sondern wenn wir nichts mehr ausschließen müssen. Wenn wir lernen, dem Leben zu begegnen, auch dann, wenn es kratzt, brennt oder weh tut. Dann verwandeln sich Ablehnung und Widerstand in Weisheit.
Praxisimpulse
„Weich werden im Widestand“
Wenn etwas unangenehm ist, bleibe, atme hinein, beobachte und öffne dich, lasse mehr und mehr los. Ich weiß: leichter gesagt als getan. Dennoch! Es ist das Üben wert! So gehts:
Setze dich bequem hin und rufe dir eine Situation ins Gedächtnis, die Widerstand in dir auslöst. Spüre, wo im Körper du diesen Widerstand fühlst, vielleicht als Enge, Druck oder Anspannung. Benenne innerlich: „Da ist Widerstand.“ Vielleicht möchtest du auch eine Hand dorthin legen. Bleibe für ein paar Atemzüge bei der Empfindung, ohne sie zu verändern, zu bewerten oder zu analysieren. Erlaube den Empfindungen, da zu sein. Sage dir mit jedem Atemzug innerlich beim Einatmen: „Ich bleibe.“ und beim Ausatmen: „Ich lasse los.“
In einem nächsten Schritt könntest du deine Aufmerksamkeit auf die Stille dahinter richten, das Bewusstsein, das du bist und das alles hält – einfach, indem du die Intention dazu setzt. Erinnere dich und sag dir innerlich: „Ich bin nicht der Widerstand. Ich bin das, was ihn wahrnimmt.“ Du kannst dir auch wie eine Art Mantra immer wieder innerlich sagen: „Weich werden im Widerstand“ und dabei wahrnehmen, wie dein Körper mehr und mehr loslässt. So wird Dveṣa zum Lehrer für Akzeptanz und du erfährst, dass Freiheit nicht im Vermeiden liegt, sondern im Bleiben und Annehmen.
In kleinen Schritte „Bleiben, auch wenns stürmisch wird“
Wenn du die erste Übung einige Mal geübt hast, kannst du auch dazu übergehen, diese Schritte direkt im Alltag anzuwenden, wenn du merkst, dass irgendwo Widerstand auftaucht. Es muss nichts Großes sein, vielleicht ein unangenehmes Gespräch, ein kritischer Kommentar, eine innere Unruhe. Übe in kleinen Schitten, in diesen Momenten des Unbehagens bewusst DA zu bleiben ohne drauf zu reagieren oder etwas damit zu machen. So gehts.
1. Wahrnehmen – „Da ist Widerstand.“
Erkenne den Moment, in dem du innerlich „Nein“ sagst. Vielleicht spürst du Enge im Brustraum, Druck im Bauch, den Impuls, dich abzulenken.
Benenne es leise, ohne Urteil: „Da ist Widerstand.“
2. Atmen – „Ich bleibe. – Ich lasse los“
Lenke den Atem sanft dorthin, wo du den Widerstand spürst. Atme nicht, um etwas zu verändern, sondern um Raum zu schaffen. Mit jedem Einatmen sag dir innerlich: „Ich bleibe.“ und mit jedem Ausatmen: „Ich lasse los“
3. Weiten – „Fühlen, ohne zu fliehen.“
Erlaube der Empfindung, da zu sein, ohne sie festzuhalten oder verändern zu wollen. Spüre, dass du größer bist als das Gefühl, dass in dir ein Raum ist, der das halten kann.
4. Verankern – „Ich bin das Bewusstsein, das sieht.“
Während du das Unangenehme wahrnimmst, richte den Blick nach innen und erkenne die Stille, die hinter all dem liegt. Erinnere dich: „Ich bin nicht der Widerstand – ich bin das, was ihn wahrnimmt.“ Führe das auch noch einen Moment fort, wenn das Unangenehme beginnt abzuklingen.
Bleibe für ein paar Atemzüge in dieser stillen Weite. So verwandelt sich Abwehr in Präsenz und Dveṣa verliert seine Kraft.
Zwischenstopp 3: Raga und Dveṣa
Raga und Dveṣa sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide Klesas haben dasselbe Thema, nämlich die Anhaftung. So wie Rāga an das Angenehme bindet, bindet Dveṣa an das, was wir meiden.
Raga ist das Festhalten von dem, was wir im weitesten Sinne als angenehm empfinden. Es ist die Sehnsucht nach allem, was uns gut tut oder Genuss bereitet. Das wollen wir dann (immer) wieder erleben bzw wir wollen, dass dieses vermeintlich „Gute“ garnicht erst aufhört oder verschwindet. So klammern wir uns dann an Menschen oder Situationen, halten fest an Gefühlen oder Zuständen und haften an Rollen und Routinen.
Dveṣa hingegen ist die Ablehnung von allem, was wir nicht mögen. Bei Dveṣa entwickeln wir Widerstand gegen alles, was uns unangenehm ist oder was wir in irgendeiner Form als schmerzvoll empfinden. Auch das ist eine Art von Anhaftung, denn wir sind nicht frei, wenn uns irgendetwas triggert. Ganz im Gegenteil. Auch Dveṣa bindet uns, denn es verbraucht jede Menge Energie um all das vermeintlich „negative“ zu vermeiden und von uns fernzuhalten.
5. Abhiniveśa – die Angst vor dem Loslassen
Yoga Sūtra II.9
Sva–rasa–vāhī viduṣo ’pi tathā rūḍho ’bhiniveśaḥ
Abhiniveśa ist die tief verwurzelte Anhaftung am Leben, die selbst den Weisen ergreift.
Im Yoga Sūtra II.9 beschreibt Patanjali Abhiniveśa als das fest verwurzelte Bestreben, das Leben zu erhalten und den Tod zu vermeiden. Doch Abhiniveśa zeigt sich nicht nur in der Todesangst, sondern auch in subtilen Formen, in jeder kleinen Furcht, die wir empfinden, wenn etwas endet: das Ende eines Lebensabschnitts, einer Beziehung, einer Ent-Täuschung. Abhiniveśa ist die Angst vor Vergänglichkeit, vor dem Ende von etwas Liebgewonnenem, Vertrautem, Verlässlichem. Es ist die Angst davor, die Kontrolle und im schlimmsten Fall sogar das Leben zu verlieren.
Es ist das älteste, tiefste und zäheste aller Kleśas, und, so sagt Patanjali, selbst erfahrene Yogis spüren es, weil es direkt mit unserem Überlebensinstinkt verbunden ist. Abhiniveśa ist das subtile Zittern, das unter allem Streben liegt. Es ist die Furcht, letztlich sich selbst zu verlieren und ins Nichts, in die Leere zu fallen, wenn man wirklich loslässt. Doch genau im Loslassen beginnt das Leben neu! Das sehen wir in jedem Atemzug: nur wenn wir ausatmen können wir auch wieder einatmen.
Die Wurzel der Angst
Abhiniveśa ist die natürliche Folge der vorangegangenen Kleśas. Am Anfang steht Avidyā: das Vergessen, wer wir wirklich sind. Wenn wir uns aufgrund dieser Unwissenheit mit dem Vergänglichen identifizieren (Asmita), ist Verlust unausweichlich, denn das Leben ist ein ständiges Werden und Vergehen. Und wo Verlust droht, entsteht Angst. Wir halten am Angenehmen fest (Rāga), stoßen das Unangenehme und Schmerzvolle ab (Dveṣa).
Diese Angst macht uns eng. Sie lässt uns Routinen wiederholen, selbst wenn sie uns nicht mehr dienen, und hält uns in Situationen, die uns nicht gut tun. Wir bleiben lieber im bekannten Unglück, auch wenn es uns klein hält, als ins unbekannte Glück zu gehen, weil das Unbekannte uns Angst macht. Und so klammern wir uns an Menschen, Routinen, Identitäten, Rollen und Ideen, an alles, was uns das Gefühl gibt, sicher zu sein. Doch Sicherheit, die vom Außen abhängt, ist immer fragil.
Abhiniveśa im modernen Alltag
Abhiniveśa zeigt sich heutzutage weniger als Angst vor dem Tod, sondern als Angst vor Veränderung, Wandel, Verlust und Ungewissheit. Wir fürchten uns, weil wir glauben, es gäbe etwas zu verlieren. So klammern wir uns fest an vermeintliche Sicherheit, an Kontrolle, an Ideen über uns selbst und unser Leben, an Bilder von unseren Liebsten und der Welt. Wir halten fest an Gewohnheiten, Rollen und Identitäten, ebenso an Menschen, Aufgaben, Meinungen, und auch an Spiritualität. Oberflächlich wirkt das wie Stabilität. Doch darunter liegt die Furcht vor der Antwort auf die Frage: „Wer bin ich, wenn sich das verändert, wenn ich all das loslasse(n muss)?“
Einige Beispiele, wie Abhiniveśa sich zeigt
In Beziehungen:
Wir bleiben, weil das Neue zu ungewiss wirkt, oder halten an einem „Wir“ fest, das längst nicht mehr lebendig ist. Unter dem Wunsch nach Stabilität liegt oft die Furcht vor Alleinsein. Das ist ein Spiegel dafür, wie sehr wir vergessen haben, dass wir nie wirklich getrennt sind.
Im Beruf:
Wir halten an Rollen, Erfolg und Leistung fest, als hinge unser Sein daran. Selbst Überforderung fühlt sich sicherer an als das Unbekannte. Abhiniveśa lässt uns Kontrolle mit Identität verwechseln und Stillstand mit Schutz.
Im Körper:
Wir fürchten Alter, Krankheit, was beides letztlich Ausdrucksformen von Endlichkeit sind. Jede Falte, jeder Schmerz wird nicht nur gespürt, sondern interpretiert. Wir ringen um Jugend, Perfektion, Vitalität, weil wir im Wandel den Verlust von „Ich“ wittern. Wir halten am Bild eines stabilen, leistungsfähigen Körpers fest, obwohl er uns durch jede Falte, jeden Scherz an das erinnert, was wir verdrängen, nämlich dass alles, was lebt, sich wandelt.
In der Spiritualität:
Wir klammern uns an Konzepte, Methoden oder Lehrer/innen, weil sie Orientierung bieten. Sogar im Loslassen wollen wir Kontrolle behalten. Ego kann spirituell werden, Angst kann sich heilig verkleiden. Das Ergebnis bleibt dasselbe: Wir klammern uns an eine vermeintliche Sicherheit, selbst im Göttlichen. Doch Abhiniveśa bleibt, was es ist: die Angst davor, das Selbst wirklich zu überschreiten.
Wie Abhiniveśa sich wandeln kann
Abhiniveśa ist die tiefe Angst vor dem Loslassen, vor dem Fall in die Leere. Doch in jedem Loslassen, so beängstigend es sein mag, liegt zugleich die Möglichkeit von Freiheit. Auf dem Weg dahin lässt Abhiniveśa sich nicht durch Mut bezwingen. Es löst sich durch das Bemühen, die Angst in tiefem Bewusstheit zu halten. Aber wie geht das?
Wenn du spürst, dass etwas in dir sich gegen Veränderung wehrt, frage dich: „Wovor genau habe ich Angst, wenn ich hier loslasse?“ Oftmals entdecken wir darunter keine wirkliche Lebensgefahr, sondern das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit und Bedeutsamkeit. Im Kern ist diese Sehnsucht eine Chance, den wahren Halt nicht länger im Außen zu suchen, sondern in dir selbst zu finden: in der Verbindung zum reinen Bewusstsein, das du bist und das bleibt, auch wenn alles andere sich verändert.
Wenn wir die Angst in Bewusstsein halten, verwandelt sich Abhiniveśa in das Vertrauen, dass wir getragen sind, auch im Wandel, auch im Unbekannten. In diesem Vertrauen wird Angst zu Demut und Loslassen zu einer Form von Hingabe. Im Yoga ist das Īśvara-praṇidhāna, was soviel bedeutet wie „Vertrauen in den Fluss des Lebens“. Es besagt, das zwar nicht alles im Leben leicht ist, dennoch einen tieferen Sinn hat. Und so ist das sinnvollste, was wir tun/üben dürfen, uns in das hinein zu entspannen, was ich in diesem Moment zeigt, was im Hier und Jetzt gerade da ist.
Praxisimpuls: „Im Atem des Wandels“
Setze dich bequem hin und lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem, zB auf das Ein- und Ausströmen der Atemluft an den Nasenflügeln oder auf das Heben und Senken deiner Bauchdecke. Denke dir bei jedem Einatmen „ich atme ein“ und bei jedem Ausatmen „ich atme aus“. Folge für ein paar Atemzüge auf diese Weise deinem Atem. Denke dir dann bei jedem Einatmen „ich empfange“ und bei jedem Ausatmen „ich lasse los“. Wenn es dir angenehm ist, kannst du hier die Ausatmung auch bewusst etwas verlängern. Folge dann auch auf diese Weise für ein paar Atemzüge deinem Atem.
Nimm dabei wahr, wie dein Körper von selbst ein- und ausatmet, wie ganz ohne dein Zutun der Atemstrom immer weiterfließt, ganz von selbst und ganz mühelos. Hierbei kannst du erfahren, was Vertrauen wirklich meint: Das Leben trägt dich – in jedem Moment, in jedem Atemzug, auch dann, wenn du nichts aktiv tust, sondenr einfach loslässt.
Zusammenfassung – vom Erkennen zum Erwachen
Avidyā ist das Vergessen, der Schleier über dem Wissen, wer wir wirklich sind. Es lässt uns das Vergängliche für ewig halten und das Ewige übersehen. Aus diesem Vergessen entsteht Asmitā, das Ego, das sich selbst zu ernst nimmt, das „Ich“, das sich mit seinen Rollen verwechselt und glaubt, alles hinge von ihm ab. Aus dieser Verwechslung erwachsen zwei Kräfte, die uns täglich lenken: Rāga, das Streben nach dem Angenehmen, und Dveṣa, das Abwehren des Unangenehmen. Und am tiefsten verwurzelt in uns allen ist Abhiniveśa, die Angst vor Veränderung, vor Leere, die uns an das Bekannte bindet, selbst wenn es uns begrenzt.
Patanjali beschrieb diese Mechanismen des menschlichen Leidens, die fünf Kleśas, zwar vor über 2000 Jahren und doch sind sie heute aktueller denn je. Unsere moderne Welt lebt von Reizüberflutung, Selbstoptimierung und emotionaler Reaktivität. Jedes Mal, wenn du dich verstrickt, verletzt oder unruhig fühlst, kannst du fragen: „Welcher Schleier liegt gerade über meiner Klarheit?“ Je bewusster wir die Kleśas in uns erkennen, desto weniger Macht haben sie über uns. Dabei geht es nicht darum, sie zu bekämpfen. Die Kleśas sind keine Feinde oder irgendein Fehler oder Defizit. Sie sind schlicht Ausdruck unseres Menschseins. In diesem Sinne dienen sie uns vielmehr als Wegweiser: vom Unbewussten ins Bewusste, vom Reagieren ins Erkennen, vom Leiden ins Sehen.
Sie sind wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen können. Denn jedes Mal, wenn wir innehalten und sagen: „Ah, da ist Verwechslung … da ist Ego … da ist Begehren … da ist Abwehr … da ist Angst.“ beginnt sich der Schleier zu lüften und du erkennst, dass du nicht deine Gedanken und Muster bist, sondern das Bewusstsein, das sie wahrnimmt, dass du nicht deine Emotionen und Geschichten bist, sondern der Raum, in dem sie sich abspielen und hindurchfließen. Sobald du das siehst, beginnt das Erwachen in die Freiheit, nicht irgendwo auf einem heiligen Berg, sondern hier und jetzt, mitten im ganz normalen Alltag: im (Streit)Gespräch mit einem Menschen, in der bewussten Atempause in der viel zu langen Schlange an der Supermarktkasse, in jedem Moment, in dem wir uns dabei beobachten, wie wir irgendetwas unbedingt erreichen oder um jeden Preis vermeiden wollen und vielleicht entscheiden können, diesmal ein Stückchen davon loszulassen.
Das Ziel ist nicht, ein Leben ohne Emotionen, ohne Ego, ohne Wünsche und Sehnsüchte ohne Vorlieben und Abneigungen zu führen. Vielmehr geht es darum, bewusst damit umzugehen um Spielraum zu gewinnen, mitten in all dem. Die Kleśas sind fünf zentrale Schlüssel dazu. Jede bewusste Begegnung mit ihnen öffnet ein Stück mehr Weite und auch ein Stück mehr Mitgefühl, mit uns selbst, unseren Mitmenschen und mit der Welt.
Das ist Yoga.
Yoga will diese Kräfte, die in uns wirken, durchschauen und ins Bewusstsein holen. Auf diesem Weg erinnern wir uns Schritt für Schritt daran, wer wir wirklich sind, jenseits von Rollen, Erfolgen, Sehnsüchten und Ängsten. Es geht im Yoga nicht darum, eingehüllt in Licht und Liebe, vor den Herausforderungen der Welt die Flucht zu ergreifen, sondern Yoga ist die Kunst, den Alltag bewusst zu bewohnen, mit offenem Herzen, sehenden Blickes und mit der klaren Gewissheit, dass in der Stille hinter all dem Treiben, das wir Leben nennen, etwas unberührt und unverändert bleibt und dieses Etwas, das sind wir. Jeder einzelne von uns ist in der Tiefe seines Seins: unendliches reines Bewusstsein.

